Hessens Kultusminister Lorz im Interview mit Inform

Bildung in der digitalen Welt

Kultusminister Lorz im Gespräch mit INFORM über seine bisherige Amtszeit, die Herausforderungen der digitalen Transformation und den Schulranzen von morgen.

minister-lorz.jpg

Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz
© HKM / Manjit Jari

INFORM: Herr Prof. Dr. Lorz, das große und zuweilen sehr emotional diskutierte Thema Bildung zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre berufliche Karriere – wie hat sich Ihre Perspektive verändert, seit Sie Bildung/Ausbildung auf politischer Ebene gestalten?

Prof. Dr. Lorz: Ich arbeite gerne mit jungen Menschen. Das habe ich als Hochschullehrer bereits viele Jahre getan und tue es auch jetzt in der Verantwortung „auf der anderen Seite“, für die Schulen. Für mich ist das in gewisser Weise ein logischer Wechsel, der mir trotz der teilweise sehr emotional geführten Debatten in der Schulpolitik überaus viel Freude bereitet. Und ich gebe gerne zu, dass sich meine Perspektive als „Schulminister“ dahingehend verändert hat, dass ich nun noch mehr Respekt vor der beeindruckenden Leistung unserer Lehrerinnen und Lehrer habe als bereits zuvor.

INFORM: Was waren/sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer bisherigen Amtszeit und wie sehen – ein positives Wahlergebnis vorausgesetzt – Ihre dringendsten Ziele für die nächste Legislaturperiode aus?

Prof. Dr. Lorz: Eines der bestimmenden Themen, das in dieser Dimension sicherlich niemand auf dem Schirm hatte, war und ist die Sprachförderung und die Integration der vielen jungen Flüchtlinge und Zuwanderer. Seit dem Jahr 2015 haben wir praktisch einen ganzen Schuljahrgang zusätzlich – rund 50.000 Kinder und Jugendliche – sprachlich gefördert und zu großen Teilen in unseren Schulen bereits erfolgreich integriert, eine grandiose Leistung unserer Schulen! Darüber hinaus ist mir persönlich der Ausbau der Ganztagsbetreuung an unseren Schulen ein besonderes Anliegen, dort haben wir bereits viel erreicht und wollen dies auch weiterhin tun.

INFORM: Neben dem Dauer-Thema Integration treibt ein Begriff derzeit Politiker wie Bürger um: Digitalisierung. Wie beurteilen Sie den Stand der Dinge und welche Chancen bietet die sich rasant drehende digitale Welt für Hessens Schulen samt der rund 54.000 Lehrkräfte?

Prof. Dr. Lorz: Unsere Lebens- und Arbeitswelt hat sich im Zuge der Digitalisierung massiv gewandelt und wird sich weiterhin verändern. Das Internet sowie mobile Endgeräte, wie Smartphone und Tablet, sind für uns zu selbstverständlichen Informations- und Kommunikationsmitteln geworden, auch aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen sind sie nicht mehr wegzudenken. Deswegen benötigen junge Menschen Kompetenzen, die sie befähigen, an der digitalisierten Welt erfolgreich teilzuhaben. Gleichzeitig verändern digitale Medien das Lehren und Lernen. Sie eröffnen didaktische Möglichkeiten wie selbstständiges Lernen, Planen, Recherchieren, authentisches situatives und gemeinsames Lernen. Gezielt eingesetzt, können sie durch ihre Funktionalitäten die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler in allen Fächern positiv unterstützen. Dies alles stellt Schule vor große Herausforderungen, bei deren Bewältigung wir sie unterstützen müssen. Diese Herausforderung des digitalen Wandels begreifen wir als Chance und wollen ihn im Interesse unserer Schülerinnen und Schüler proaktiv gestalten. Dabei kommt den Lehrerinnen und Lehrern eine neue Rolle zu, für die wir sie umfassend qualifizieren werden. Sie müssen in der Lage sein, den veränderten Anforderungen an Schule gerecht zu werden und digitale Bildung mit dem Ziel umzusetzen, Schülerinnen und Schüler auf die Anforderungen in der Arbeitswelt von morgen vorzubereiten.

INFORM: Mit der „Digitalen Verwaltung Hessen 2020“ hat das Land einen konkreten Fahrplan in Sachen eGovernment schon in der Umsetzung. Ist ein solcher Masterplan für den Bereich Schule, Bildung, Ausbildung nicht auch vonnöten?

Prof. Dr. Lorz: Die Digitalstrategie der Landesregierung und die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“, die ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der Kultusministerkonferenz Ende des Jahres 2016 verabschiedet habe, stellen bereits verbindliche Handlungsrahmen für die Digitalisierung der hessischen Schulen dar. Dafür werden Maßnahmen in zentralen Handlungsfeldern umgesetzt und aufeinander abgestimmt. Dazu zählen der Ausbau der Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrkräfte in allen Ausbildungsphasen, die Verankerung der Vermittlung digitaler Kompetenzen in den Fachcurricula sowie die Zurverfügungstellung von Unterrichtsbeispielen für einzelne Fächer, die pädagogische Unterstützung durch die Bereitstellung einer landesweiten Lern- und Arbeitsplattform für Schulen und schließlich die Schaffung der technischen Infrastruktur an den Schulen. Für letztere unterstützt das Land die Schulträger sowohl bei der Breitbandanbindung der Schulen durch das Ausbauprogramm des Hessischen Wirtschaftsministeriums als auch bei der digitalen Ausstattung durch das langjährige Programm Schule@Zukunft des Hessischen Kultusministeriums.

INFORM: Ein Blick in die nahe Zukunft: Wie sollte nach Ihrer Einschätzung eine „Digitale Modellschule“ von morgen aussehen – und was erwarten Sie in diesem Kontext von der HZD als zentraler IT-Dienstleister des Landes?

Prof. Dr. Lorz: Die digitale Ausstattung wird dann zu einer lernförderlichen Infrastruktur, wenn sie auf die pädagogische Konzeption der Schule abgestimmt ist, von den Lehrkräften auf didaktisch sinnvolle Weise im Fachunterricht eingesetzt werden kann und dadurch die schulischen Lernprozesse und vor allem das individuelle Lernen unterstützt. Insofern sollte sich die eingesetzte Hard- und Software immer am schulischen Medienbildungskonzept orientieren. Hier ist eine enge Abstimmung zwischen den Schulen und den hessischen Schulträgern als wichtigen Partnern gefragt. Da digitale Medien neue Kommunikationsformen sowie Gruppenarbeit, orts- und zeitunabhängiges Lernen ermöglichen, ist es unser Ziel, Schulen durch eine landesweite Bildungsplattform zu unterstützen. Die HZD kann hierbei unterstützen, indem sie dafür Sorge trägt, dass plattformgestütztes Lernen durch leistungsfähige Server und Supportleistungen sichergestellt wird.

INFORM: Die Lehrer- und Schülerdatenbank LUSD etwa ist ein qualitativ hochwertiges Schulverwaltungssystem und inzwischen auch bundesweit bekannt. Wie sehen Sie die Chancen für einen länderübergreifenden Einsatz der LUSD?

Prof. Dr. Lorz: Mit der Lehrer- und Schülerdatenbank ist Hessen aktuell ein Vorreiter auf dem Gebiet der Schulverwaltungssysteme. Dies zeigt sich auch darin, dass das Land Berlin dieses Schulverwaltungssystem nach einem intensiven Auswahlprozess gekauft hat und gerade sehr erfolgreich an den eigenen Schulen einführt. Die Chancen für einen länderübergreifenden Einsatz der LUSD sind somit bereits jetzt sehr gut, da es ja in vielen Ländern noch keine zufriedenstellenden Lösungen gibt und man auch immer stärker erkennt, dass die Herausforderungen der Digitalisierung in der Bildungsverwaltung nur durch eine enge Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen schnell, qualitativ hochwertig und kostengünstig bewältigt werden können. Mit dem für die LUSD in den nächsten Jahren geplanten ReDesign werden sich die Chancen für Kooperationen übrigens nochmals deutlich verbessern, da durch den Einsatz einer Microservices-Architektur und darauf basierender Datenaustauschdienste optimal auf Länderspezifika und eventuell bereits vorhandene Systeme – z.B. Personalverwaltung mit SAP, Lernplattformen, Stundenplanprogramme – reagiert werden kann.

INFORM: Was sind an den etwa 2.000 hessischen Schulen die drängendsten Aufgaben – Stichworte etwa: einheitliche Netze, standardisierte IT-Ausstattung oder konsistente Bildungsplattform – bezüglich der digitalen Transformation? Wie kann die HZD sich in diesen Prozess einbringen?

Prof. Dr. Lorz: Zur Infrastruktur gehört vor allem eine leistungsfähige Internetanbindung sowie WLAN-Ausleuchtung für alle Schulen, damit der Einsatz mobiler Endgeräte problemlos möglich wird. Hier hat das Land durch sein Förderprogramm die Rahmenbedingungen geschaffen. Auch die Bereitstellung einer landesweiten Lern- und Arbeitsplattform zur Kommunikation, zum Austausch von Unterrichtsmaterialien und für unterrichtsorganisatorische Funktionen stellt ein wichtiges Instrument zum digital gestützten Lehren und Lernen dar. Hier setzen wir auch auf die Unterstützung der HZD in verschiedenen Bereichen, z.B. bei den in diesem Zusammenhang notwendigen Ausschreibungen, ebenso wie bei der Umsetzung von Server- und Supportlösungen.

INFORM: Wenn Sie erlauben, noch ein Blick in die etwas fernere Zukunft: Sie sind seit 2016 auch stolzer Vater einer Tochter – wie wird denn Antonias Klassenzimmer im Jahr 2022 aussehen? Und geht sie dann noch mit Ranzen und Bleistift oder bereits mit Smartphone und HessenPC-Tablet zur Einschulung?

Prof. Dr. Lorz: Ich bin mir relativ sicher, dass es auch dann noch die „gute alte Kreide“ geben wird, natürlich mit einem anderen Stellenwert. Auch einen Ranzen wird es noch geben. Wie weit sich der Inhalt ändern wird, daran arbeiten wir gemeinsam mit den Schulträgern vor Ort. Tablets sind sicherlich ein wichtiger Bestandteil dieser Bemühungen, da sie im Unterricht sehr hilfreich für unsere Lehrkräfte und Schüler sein können.

Die Fragen stellte Hans-Peter Müller, HZD

Schließen