Interview mit dem Handelsblatt

„Dann kosten Brötchen eben ein paar Cent mehr“

Alexander Lorz ist der neue Kultusminister-Präsident. Er wünscht sich Betriebe, die Lehrlinge mit mehr Geld locken, und will den Kampf gegen Analphabetismus verstärken.

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Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz
© HKM / Manjit Jari

Herr Lorz, der Digitalpakt liegt auf Eis - wann fließt endlich Geld?

Lorz: Ich bin optimistisch, dass es ab dem Sommer soweit ist. Der Vermittlungsausschuss wird eine Lösung finden.

Viele Eltern denken, jeder Schüler bekommt dann ein Tablet...

Lorz: Der Bund wollte anfangs gar keine Endgeräte finanzieren. Jetzt dürfen wir immerhin einen Teil der fünf Milliarden Euro dafür ausgeben.

Aber das reicht nicht mal für zwei Klassensätze pro Schule ...

Lorz: Erst einmal dient das Geld dem Aufbau einer passenden Infrastruktur wie Breitband, W-Lan oder Whiteboards in den Klassen. Erst dann können wir uns um die Endgeräte kümmern. Da ist es durchaus sinnvoll, einen Satz anzuschaffen, mit dem Schüler dann abwechselnd arbeiten können. Die Situation ist hier auch von Land zu Land unterschiedlich. Das Arbeiten mit Tablets muss aber ein „add-on“ bleiben, Schüler sollen nicht ständig damit arbeiten, sondern auch die klassischen Kulturtechniken wie die Handschrift weiterhin erlernen. Außerdem sollten auch die Geräte der Schüler eingesetzt werden.

Wissen sie, wie viele Laptops oder Tablets heute vorhanden sind?

Lorz: Nein, denn das ist Sache der Kommunen als Schulträger.

Was ist das größere Problem? Fehlende Geräte oder die Unfähigkeit der Lehrer, damit umzugehen?

Lorz: Wir müssen natürlich an beiden „Baustellen“ arbeiten. Aber das braucht seine Zeit bei 800.000 Lehrern, die teils seit 30 Jahren unterrichten. Wobei wir schon sehr viele Lehrer haben, die in diesem Bereich stark aufgestellt sind. Auf einer Strecke von 100 Metern haben wir vielleicht 20 hinter uns. Die KMK hat sich vorgenommen, den Rest der Strecke bis Ende 2021 zu schaffen.

Streit gibt es auch um den Wunsch des Bundes, bei der Qualität mitzureden. Warum?

Lorz: Es kann nicht sein, dass der Bund im Gegenzug für relativ kleines Geld in einem begrenzten Zeitraum – der Digitalpakt sieht fünf Milliarden Euro für fünf Jahre für ganz Deutschland vor – das gibt allein Hessen in einem Jahr für Schule aus, das Recht einkauft, den Ländern auf Dauer zentrale Vorgaben für ihre Kultuspolitik zu machen.

Viele Bürger ärgern sich über das föderale Durcheinander im Schulwesen. Wollen die Kultusminister denn mehr Einheitlichkeit?

Lorz: Was Sie „Durcheinander“ nennen, nenne ich fruchtbare Vielfalt – und ist übrigens vom Grundgesetz so gewollt. Im Übrigen haben die Länder bereits zahlreiche Vereinbarungen getroffen, die Einheitlichkeit, Vergleichbarkeit und Transparenz sicherstellen. Darüber hinaus wollen wir in den nächsten zwei Jahren einen Staatsvertrag schließen, in dem wir Standards für die großen Themen wie Lehrerbildung, Integration und die Vergleichbarkeit von Abschlussprüfungen auch unterhalb des Abiturs vereinbaren.

Für das Abitur gibt es schon einen gemeinsamen Pool an Aufgaben - trotzdem sind die Durchschnittsnoten extrem unterschiedlich...

Lorz: Bisher gibt es den Pool für die vier Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch. Da werden weitere hinzukommen. Bis Ende 2021 sollte das Abitur bundesweit vergleichbarer sein. Dann werden sich auch die Durchschnittsnoten sicher weiter angleichen. Solange aber Lehrer Fächer bewerten, die nicht so exakt sind wie beispielsweise Mathematik, werden Unterschiede bleiben - im Zweifel sogar größere innerhalb eines Landes als zwischen den Ländern.

Bundeweit fehlen zehntausende Lehrer -warum gibt es keine Werbekampagne?

Lorz: Einzelne Länder wie NRW oder Berlin werben durchaus. Allerdings zweifele ich etwas am Effekt. Denn: Wie viele junge Menschen sollen denn wirklich durch so ein Plakat auf die Idee gebracht werden: Jetzt möchte ich gerne Lehrerin oder Lehrer werden! . Der Fachkräftemangel durchzieht ja alle Branchen, nicht nur den Bildungsbereich.

Die Kultusminister resignieren vor der Konkurrenz der Wirtschaft?

Lorz: Nein, wir wollen Hürden senken: Wir müssen dafür sorgen, dass es genügend Studienplätze für Lehrer gibt, die NCs senken - in Hessen haben wir grade die Plätze für Grund- und Förderschullehrer um 50 Prozent aufgestockt, doch jetzt stoßen die Unis an ihre Grenzen. Wir brauchen auch mehr Stellen im Vorbereitungsdienst. 

Es bleibt also auf Sicht dabei, dass viele Schulen auf Quereinsteiger angewiesen sind?

Lorz: Zumindest in den nächsten fünf bis sieben Jahren – so lange dauert eine Lehrerausbildung nun einmal mindestens – können wir nicht vollständig darauf verzichten. Quereinsteiger können aber nur dann erfolgreich sein, wenn sie Spaß an der Arbeit mit Kindern haben.

In manchen Ländern werden solche Quereinsteiger ohne Vorbereitung in die Klassen geschickt und können froh sein, wenn erfahrene Kollegen ihnen helfen....

Lorz: Daran müssen wir als gesamte KMK auf jeden Fall arbeiten. Die Länder sind aber schon dabei, begleitend zum Unterricht die Lehrkräfte zu qualifizieren.

Der Mangel herrscht zunächst massiv in den Grundschulen und verlagert sich dann in weiterführende Schulen. Brauchen wir nicht künftig Lehrer, die bei Bedarf flexibel einsetzbar sind?

Lorz: Sicherlich gibt es bei manchen meiner Kollegen in der KMK Überlegungen in Richtung einer Einheitslehrerausbildung. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass wir angesichts der zunehmenden Heterogenität der Schüler eher mehr Spezialisierung brauchen. Die eierlegende Wollmilchsau, die vormittags Grundschülern das Lesen beibringt und nachmittags Oberstufenschüler aufs Studium vorbereiten kann, gibt es nicht.

Gymnasiallehrer unterrichten doch auch von der 5. bis zur 13.

Lorz: Das ist aber auch schon herausfordernd genug, da kann man nicht noch darüber hinaus gehen. 

Ist nicht der eigentliche Grund, dass Sie die Angleichung der Gehälter fürchten?

Lorz: Die Einstiegsgehälter sind heute schon sehr ähnlich, unterschiedlich sind aber die Aufstiegsmöglichkeiten. Hier finde ich durchaus, dass wir mehr Beförderungsmöglichkeiten für Grund- , Haupt- und Realschullehrer brauchen. Aber die Forderung, Grundschullehrerinnen und -lehrer von vorneherein alle nach A13 zu bezahlen, hat vielfältige Implikationen und ist nicht einfach mal eben umsetzbar. Wir haben im Grundschulbereich im Übrigen in Hessen keinen Bewerbermangel mehr, seitdem bekannt ist, wie gut die Einstellungschancen geworden sind. Das Interesse übersteigt sogar die Hochschulkapazitäten.

Am Ausbildungsmarkt sind gleichzeitig zigtausende Lehrstellen unbesetzt, zehntausende Bewerber unversorgt und fast 300.000 junge Leute im Übergangssystem. Was tun?

Lorz: Wir müssen das sogenannte „matching“, also die Vermittlung zwischen Schule und Berufswelt, noch weiter verbessern. Aber das kann Schule allein nicht leisten: Die Wirtschaft muss konkreter deutlich machen, was sie mittelfristig braucht. Nur so können wir die passende Berufsorientierung organisieren. Und die Unternehmen müssen sicherlich auch mehr Anreize wie eine bessere Vergütung bieten. Die entsprechenden Informationen geben wir dann in der Schule gerne weiter. Und wenn man mehr Nachwuchs im Bäckerhandwerk braucht, müssen die Brötchen dann eben auch ein paar Cent mehr kosten dürfen.

Viele Bewerber und Betriebe kommen auch rein geografisch nicht zusammen...

Lorz: Dann muss man die Transportmöglichkeiten verbilligen, wie wir das in Hessen beispielsweise mit dem Landesticket für Schüler, Azubis und Studierende gemacht haben, und außerdem dafür sorgen, dass auch mehr Busse fahren. Aber auch die Jugendlichen müssen teilweise vielleicht flexibler sein. Und in den Betrieben muss es ein Verständnis dafür geben, dass sie eben nicht mehr die freie Auswahl haben. Da ist auf allen Seiten noch ein Lernprozess nötig.

Viele Jahre warb die Politik um mehr Studenten. Nun hat sich der Fachkräftemangel auf beruflich Ausgebildete verlagert. Haben wir die Weichen falsch gestellt?

Lorz: Ja, bis zu einem gewissen Grad schon. Wir haben jahrelang die Erwartung geschürt, dass ein akademischer Abschluss so etwas wie eine Karrieregarantie beinhaltet. Jetzt hat ein Umdenken eingesetzt: Das Interesse zumindest der jungen Männer an der Ausbildung ist zuletzt wieder gestiegen. Aber unsere Antwort kann nicht sein, dass wir jetzt künstlich die Zahl der Studienplätze verknappen.

Wir müssen Werbung dafür machen, dass etwa ein selbstständiger Handwerksmeister im Zweifel deutlich besser verdient als ein schwach examinierter Jurist, der als Sachbearbeiter bei einer Versicherung arbeitet. Das muss die Berufsorientierung leisten - auch an den Gymnasien. In diesem Bereich haben wir in Hessen viel auf den Weg gebracht.

Das Interesse junger Männer an der Lehre ist auch deshalb gestiegen, weil ihre Abbrecherquoten im Studium deutlich höher sind als die der Frauen. Brauchen wir Eingangsprüfungen an den Hochschulen?

Lorz: Auf freiwilliger Basis ist das sicherlich eine gute Idee. Wir brauchen mehr Tests oder Orientierungssemester, damit Interessenten sich prüfen können, ob ein Fach wirklich das Richtige für sie ist. In den USA gibt es sogar Eignungstests für Juristen. Da fehlt uns allerdings die Tradition, das ist auch sehr aufwendig. Aber ein solcher Test darf nicht generell über die Zulassung entscheiden – denn gerade dafür haben wir das Abitur.

Die Bundesbildungsministerin will Meistern und Fachwirten den Titel „Berufsbachelor“ verpassen um die Lehre attraktiver zu machen. Gute Idee?

Lorz: Nein, das ist ein unglücklicher Weg. Deshalb hat auch die Kultusministerkonferenz geschlossen dagegen gestimmt. Wir müssen vielmehr das Unterlegenheitsgefühl im beruflichen Bereich bekämpfen - und selbige nicht noch durch eine Anlehnung an akademische Berufsbezeichnungen fördern. Das darf die berufliche Bildung nicht nötig haben. Weil aber kaum jemand weiß, was beispielsweise ein Fachwirt ist, braucht die berufliche Bildung ihre eigenen Marken, und die müssen wir dann offensiv vertreten. Ein Patentrezept habe ich aber auch noch nicht.

Nach der einzig dazu existierenden Studie gibt es in Deutschland 7 Millionen Analphabeten - Ausländer ohne Deutschkenntnisse nicht gerechnet. Wie kann das sein?

Lorz: Das hat mich auch erschüttert. In der Schule muss die Diagnosefähigkeit der Lehrer in der Aus- und Weiterbildung massiv ausgebaut werden. Deshalb wird die Förderung der Bildungssprache Deutsch auch das Schwerpunkt-Thema meiner KMK-Präsidentschaft. In Hessen hat Schwarz-Grün gerade vereinbart, dass wir pro Woche eine Stunde Deutsch in den Grundschulen mehr unterrichten wollen.

Experten kritisieren, dass es keiner mehr merkt, wenn die Schüler die Grundschule verlassen.

Lorz: Richtig. Deshalb müssen auch die Lehrer in der Sekundarstufe I besser geschult werden. Aber funktionale Analphabeten haben in der Regel alle einmal lesen und schreiben gelernt, nur eben schlecht. Im Beruf entsteht dann ein Teufelskreis aus Vermeidung und fehlender Übung. Um das aufzubrechen haben Bund und Länder die Mittel für die Alphabetisierung deutlich erhöht.

In Hessen haben wir eigens einen Weiterbildungspakt geschlossen, der unter anderem darauf einen Schwerpunkt legt. Das Problem sind auch weniger fehlende Alphabetisierungskurse als vielmehr das Tabu und die Scham der Betroffenen. Wir haben daher beispielsweise einen motivierenden Kinospot produziert, für den wir sogar den Turn-Olympiasieger Fabian Hambüchen gewonnen haben.

Beim Arbeitgeber fällt Leseschwäche am ehesten auf - wie kann die Wirtschaft helfen?

Lorz: Angesichts der Furcht vor Fachkräftemangel ist das Interesse in den Betrieben, solche Leute zu qualifizieren, heute hoffentlich größer. Für ausländische Azubis haben wir in Hessen probehalber einen 2. Berufsschultag für die Deutschförderung eingeführt - da waren nicht alle Unternehmen begeistert. Hier brauchen wir also noch einen Bewusstseinswandel.

Das Interview führte Barbara Gillmann vom Handelsblatt.

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