Interview mit der HNA

Digitalpakt, Klimastreiks, Vergleichbarkeit von Abschlüssen

Im Interview mit der HNA äußert sich Kultusminister Lorz zu aktuellen Herausforderungen.

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Portrait Lorz
© HKM

HNA: Die Schulen werden bald besser mit Computern ausgestattet. Gibt es auch für die Pädagogen genug Möglichkeiten zur Schulung für medienpädagogische Konzepte?

Lorz: Medienbildung ist das Top-Thema unserer Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen. Darin liegt im Übrigen der Schlüssel für den Erfolg der Digitalisierung in unseren Schulen. Wir müssen unsere Lehrerinnen und Lehrer für den Einsatz dieser tollen neuen Möglichkeiten und Hilfsmittel begeistern.

Ab wann können Hessens Schulen die digitalen Hilfsmittel abrufen?

Das Geld wird den Schulen im neuen Schuljahr zur Verfügung stehen. Allerdings steht die genaue Verteilung auf die Schulträger noch nicht fest. Dort befinden wir uns aber in guten Gesprächen.

Warum verabschiedet sich Hessen bei den Bewertungsmöglichkeiten vom Leistungsprinzip?

Wir verabschieden uns davon in keiner Weise. Die Leistungsanforderungen bleiben gleich hoch. Wir reden ausschließlich darüber, ob die Bewertung immer in Form von Ziffern zum Ausdruck gebracht werden muss oder ob es möglicherweise auch andere Formen der Bewertung geben kann. Und wir reden von maximal 30 Schulen im Jahr beziehungsweise 150 in fünf Jahren, in denen Lehrer, Eltern und Schüler sich gemeinsam für diesen Weg entscheiden müssen.

Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger meint aber, gerade wenn es um Versetzung geht, seien Noten erforderlich. Zudem befürchtet er, dass Bildungsstandards aufgeweicht werden.

Im Koalitionsvertrag bekennen wir uns ausdrücklich dazu, dass die Bildungsstandards vollumfänglich eingehalten werden müssen und dass wir nur über das Format der Bewertung reden. Außerdem haben wir Leitplanken eingezogen: Diese Flexibilität gilt für eine begrenzte Anzahl von Schulen, die gesamte Schulgemeinde muss zustimmen, und sobald die Schüler wechseln oder einen Schulabschluss machen, erhalten sie wegen der Vergleichbarkeit weiterhin ein Ziffern-Notenzeugnis.

Fürchten Sie nicht Ungleichheiten zwischen Schulen, wenn eine Noten vergibt, die andere nicht?

Es gibt seit jeher Diskussionen über Schulen, die angeblich eine tendenziell bessere Notenkultur haben als andere. Das war aber schon immer so, und das wird auch immer so sein, wenn Menschen andere Menschen bewerten. Das ist aber von der Frage, ob sie das mit Ziffern oder schriftlichen Beurteilungen machen, völlig unabhängig.

Die Islamforscherin Susanne Schröter sieht keinen Sinneswandel beim Moscheeverband Ditib und fragt sich in einem anderen Zusammenhang, warum man mit ihren Funktionären weiterarbeitet. Warum beenden Sie nicht sofort die Kooperation?

Wir haben mehr als deutliche Signale an Ditib gesendet, dass die von uns gestellten Bedingungen, beispielsweise hinsichtlich der Unabhängigkeit, weiterhin nicht erfüllt sind und wir die Zusammenarbeit noch in diesem Jahr beenden, wenn dort nichts passiert. Allerdings sind wir als Staat auch verpflichtet, nach Recht und Ordnung zu handeln. Und genau das tun wir, wenn wir erneut Nachbesserungen verlangen. Am Ende müssen wir eine Entscheidung treffen, die vor allem eines ist: rechtssicher. Politische Bauchentscheidungen helfen uns auf diesem Weg nichts.

Hat man versäumt, zeitig mit liberalen Muslim-Organisationen zusammenzuarbeiten?

Als wir uns im Jahr 2012 für Ditib als Partner entschieden haben, war nicht nur die Lage in der Türkei eine andere, sondern Ditib war auch personell und inhaltlich anders aufgestellt. Dort hat sich in den zurückliegenden Jahren leider vieles zum Negativen verändert. Außerdem sollten wir ehrlich zu uns sein, dass es außer Ditib keinen möglichen Partner in Hessen gibt, der als ernsthafter Alternativ-Partner in Frage kommt. Daher haben wir uns entschieden, ab der Jahrgangsstufe 7 ein Angebot in staatlicher Verantwortung anzubieten.

Gibt es dafür überhaupt genug Lehrer?

Der Unterricht wird von unseren Lehrerinnen und Lehrern erteilt, die bereits im islamischen Religionsunterricht unterrichtet haben.

Was wollen Sie im Vorsitz der Kultusministerkonferenz voranbringen?

Als Schwerpunkt habe ich mir die Förderung der Bildungssprache Deutsch zum Ziel gesetzt. Sie ist Voraussetzung für alles, was in der Bildungslaufbahn eine Rolle spielt. In Deutschland kann man nicht erfolgreich das Bildungssystem durchlaufen, wenn man nicht die entsprechenden Kompetenzen in der Sprache Deutsch hat. Aufgrund der heterogenen Zusammensetzung unserer Gesellschaft können wir diese Kompetenz nicht mehr als selbstverständlich voraussetzen. Ziel ist es, am Ende des Jahres gemeinsame Leitlinien und Empfehlungen für diese Förderung der Bildungssprache Deutsch zu verabschieden, an denen sich dann alle 16 Bundesländer orientieren werden.

Viele Eltern wünschen mehr Vergleichbarkeit bei Lernstoff, Abiturtests, Abschlüssen. Gehen die Kultusminister da weiter mit?

Das Anliegen der Eltern ist absolut nachvollziehbar. Ich hielte zwar nichts davon, wenn man nach französischem Vorbild eine Zentralaufgabe für ganz Deutschland festlegen würde. Allerdings arbeiten wir an der Vergleichbarkeit des Abiturs mit einem gemeinsamen Aufgabenpool und gemeinsamen Bildungsstandards. Damit sind wir in den vergangenen Jahren auch schon gut vorangekommen, etwa bei den Standards für Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen. Das Abitur ist heute schon viel vergleichbarer, als es noch vor 30 Jahren der Fall war. Aber wir wollen auf diesem Weg noch weiter vorangehen. Als Nächstes steht die Erarbeitung von Bildungsstandards für die Naturwissenschaften auf dem Programm.

Das Gespräch führte Ullrich Riedler (HNA).

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