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Interview

„Ein vielfältiges Bild was die Rückkehr zu G9 betrifft“

Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz spricht im Interview mit dem Wiesbadener Kurier (Ausgabe vom 26. April 2014) über die Rückkehr auch bestehender fünfter bis siebter Klassen zum neunjährigen Abitur G9. Die Standorte der 15 staatlichen Schulämter will der Politiker auch nach Abwicklung des Landesschulamts erhalten.

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Eine Gruppe von Schülerinnen und Schüler verschiedener Nationalität
© Fancy™ • Deluxe Royalty-free Fotografie/Veer Incorporated

Herr Lorz, Sie hätten als Verfassungsjurist auch Ihre Karriere als Hochschullehrer fortsetzen können. Was reizt Sie am Regierungsamt?
Es ist nicht so, dass ich mich von der akademischen Freiheit so gequält fühlte, dass ich mich unbedingt dem durchgetakteten Zeit- und Terminplan eines Ministers unterwerfen wollte. Aber ich bringe die Leidenschaft für Politik mit, seit ich mit zwölf Jahren in die Schüler-Union, mit 15 in die Junge Union und mit 18 in die CDU eingetreten bin. Und ich habe eine besondere Leidenschaft für Bildungsfragen. Aus diesem Grund bin ich auch Hochschullehrer geworden. Ich wollte immer schon jungen Menschen etwas beibringen. Dieses Bedürfnis steckt tief in mir drin. Und deswegen wollte ich dafür politische Verantwortung übernehmen.

Die Schülerzahlen sinken weiter. Da könnte man auf die Idee kommen, dass das Versprechen, keine Lehrerstellen zu streichen, nicht die ganze Wahlperiode hält.
Das werden Sie nicht erleben. Diese politische Selbstverpflichtung werden wir erfüllen, obwohl sie der Landesregierung große Anstrengungen abverlangen wird, um die Schuldenbremse trotzdem einzuhalten. Der Erhalt der Lehrerstellen gibt uns die erforderlichen Spielräume für die weitere Optimierung unseres Bildungssystems. Auch mit Blick auf die älter werdende Gesellschaft werden wir in Zukunft gut ausgebildete junge Leute dringender brauchen denn je.

Wie sollen frei werdende Kapazitäten bei den Lehrern eingesetzt werden? Streben Sie kleinere Klassen an?
Das wäre eine Möglichkeit, steht aber nicht im Fokus unserer Überlegungen. Denn dort hat sich in den letzten Jahren schon einiges bewegt. Es gibt andere Herausforderungen, die Ressourcen verlangen. Ich nenne zum Beispiel die Nachmittagsbetreuung oder die individuelle, begabungsgerechte Förderung unserer Kinder.

Wie ernst nehmen Sie die Herausforderung, dass es auf dem Land wegen zurückgehender Schülerzahlen bald wieder Zwergschulen geben könnte?
Wir wollen grundsätzlich Schulstandorte soweit wie möglich erhalten. Sie kennen unseren Grundsatz "kurze Beine, kurze Wege". Erst wenn es dauerhaft weniger als 13 Schüler gibt, werden tatsächlich keine Lehrer mehr zugewiesen. Schon jetzt arbeiten aber viele kleine Systeme an sinnvollen pädagogischen Konzepten, und solche innovativen Ansätze zur Gestaltung der regionalen Schulentwicklung wollen wir auch zukünftig in Zusammenarbeit mit den kommunalen Schulträgern unterstützen.

Wollen Sie die Hauptschulen, die kaum noch nachgefragt werden, erhalten?
Lassen Sie mich mit einem Satz von Roland Koch darauf antworten: Wir können die Hauptschule abschaffen, aber nicht die Hauptschüler. Nehmen Sie als Beispiel die Wolfram-von- Eschenbach-Schule in Wiesbaden. Die fängt ein- bis zweizügig an und hört zum Teil sechszügig auf. Das zeigt, dass sie viele Schüler auffängt, die dieses Angebot brauchen. Das wollen wir erhalten, weil dort hervorragende Arbeit geleistet wird. Dennoch gehe ich davon aus, dass wir in Hessen keinen Bedarf für neue eigenständige Hauptschulen haben werden.

Lassen Sie uns zur Novelle des Schulgesetzes kommen. Haben Sie Erkenntnisse, wie viele Schulen mit den bestehenden fünften, sechsten und siebten Jahrgängen zu G9 zurückkehren wollen?
Endgültige Zahlen haben wir noch nicht. Aber die Tendenz geht dahin, dass etwa die Hälfte derjenigen Schulen, die jetzt zu G9 wechseln oder gewechselt sind, laufende Jahrgänge mitnehmen will. Manche nur die fünften, manche die fünften und sechsten, sehr wenige auch die siebten Klassen. Da, wo die Schulleitungen den hohen Aufwand und die organisatorischen Verwicklungen begründet scheuen und das entsprechend vermitteln, erleben wir viel Verständnis der Eltern. Anderswo machen sich Schulgemeinden gemeinsam auf den Weg. Wir haben also ein vielfältiges Bild. Unser Ansatz, den Schulen die Wahlfreiheit zu lassen, war deshalb richtig.

Die Einbeziehung der siebten Klassen ist in der Praxis doch gescheitert.
Uns war klar, dass das nur in sehr wenigen Fällen praktisch relevant werden wird. Aber es gab ein paar Schulen, die den Wunsch hatten und gesagt haben, die Eltern wollen das und es ist organisatorisch hinzubekommen. Die wollten wir nicht per Gesetz von dem Angebot ausschließen.

Sie stecken mitten in der Rückabwicklung des Landesschulamts. Bleiben die 15 staatlichen Schulämter erhalten?
Als Standorte ja. Aber wir werden sicher nicht zur früheren Organisation der Schulverwaltung zurückkehren. Da gab es deutliche Defizite. Wir brauchen eine größere Einheitlichkeit und bessere Koordination. Dazu gehört beispielsweise, Zuständigkeiten über Standorte hinweg zu bündeln. Mit Querschnittfunktionen der Schulämter werden schon heute Synergien erreicht. Das ließe sich ausbauen.

Das Interview führten Patrick Körber, Karl Schlieker, Stefan Schröder und Christian Stang.