Interview mit der Frankfurter Rundschau

Elterntipps zum Schulstart

Ulrich Striegel, Referatsleiter Sport und Gesundheit im Kultusministerium, rät Eltern zum Schulstart zur Gelassenheit und macht ihnen Mut, es mit der Erziehung auch bei Heranwachsenden immer wieder neu zu versuchen.

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Los geht's - das neue Schuljahr hat begonnen.
Los geht's - das neue Schuljahr hat begonnen.
© HKM

Herr Striegel, Sie haben selbst drei Töchter, die jüngste kommt jetzt in die Schule. Wie haben Sie Ihre Kinder auf das Ende der Sommerferien vorbereitet?
Wir achten besonders darauf, dass die Schulmaterialien rechtzeitig vorhanden und fertig gepackt sind, so dass man nächste Woche nur noch den Ranzen in die Hand nehmen muss und loslaufen kann. Natürlich reden wir in den Tagen vor Schulbeginn verstärkt über Schule. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass Schüler zum Ende der Ferien ein ganz hohes Kommunikationsbedürfnis mit den Freunden und Freundinnen haben. Da ist es gut, Kommunikationsmöglichkeiten zu schaffen. Sonst passiert das natürlich alles in der Schule oder im Unterricht.

Nach sechs Wochen Ferien sind viele Schüler völlig aus dem Tritt. Wie schnell gewöhnen sich Kinder und Jugendliche wieder an den Schulalltag?
Das ist natürlich von Kind zu Kind verschieden. Viele Eltern wählen ja ganz bewusst einen anderen Rhythmus als den alltäglichen, weil gerade das auch Erholung bringen kann. Mein Rat wäre, die Umstellung am Ende der Ferien nicht abrupt anzugehen, sondern über ein paar Tage hinweg wieder in den Schulrhythmus zu finden.

Ist es sinnvoll, in den Ferien die Schlafenszeiten weitgehend freizugeben?
Das hängt ganz wesentlich davon ab, was man in den Ferien tut. Wer im Süden Urlaub macht, ändert zwangsläufig seinen Lebensstil. Davon würde ich mich auch durch schulische Zwänge nicht abbringen lassen. Kinder finden schon wieder in den normalen Alltag zurück.

Jetzt kommt morgens der Zeitdruck wieder: wach werden, aufstehen, anziehen, frühstücken, Zähne putzen. Was können Eltern tun, damit dass kein Chaos wird?
Das Frühstück sollte etwas sein, bei dem man sich wohlfühlt. Also rechtzeitig aufstehen, die Kinder wecken, sich dann gemeinsam an den Tisch setzen, strittige Themen nicht schon gleich nach dem Aufstehen ansprechen.

Haben Sie Zahlen, wie häufig Eltern und Kinder noch gemeinsam frühstücken? Ist das ein Auslaufmodell?
Wir wissen, dass 80 Prozent wenigstens eine gemeinsame Mahlzeit in der Familie erleben. Und rund ein Drittel kommt ohne Frühstück in die Schule. Bei den 15- bis 17-Jährigen hat dann nicht mal mehr die Hälfte gefrühstückt. Auf diese Entwicklung reagieren Schulen, indem sie teilweise ein gemeinsames Frühstück anbieten oder im Schulkiosk ein spezielles Frühstück anbieten.

Ist das Essverhalten der Jugendlichen bedenklich oder nicht, weil sich bei ihnen der Rhythmus nun einmal verschiebt?
Ohne Frühstück sollte man die Kinder nicht aus dem Haus lassen. Sie sollen motiviert und leistungsfähig in den Tag starten. Es ist wichtig, dass sie etwas getrunken haben, eine Milch, Kakao, Buttermilch, einen Joghurtdrink. Dann vielleicht noch eine Banane für den Weg.

Beim Schulweg ist das Elterntaxi sehr verbreitet. Haben Sie noch Hoffnung, dass man diese Entwicklung zurückdrehen kann?
Ich bin überzeugt, dass das auch wieder anders wird. Oft ist das morgendliche In-die-Schule-Bringen so eine Art Liebeserklärung. Man muss den Eltern deutlich machen, dass sie das Kind dazu motivieren sollten, sich zu bewegen, wenn sie ihm wirklich etwas Gutes tun wollen. Das bringt nicht nur den Kreislauf in Schwung, sondern auch den Kopf.

Wie wollen Sie das erreichen?
Man könnte es gleich im ersten Elternabend ansprechen. Zudem können die Grundschulen darauf achten, dass Schüler in einer Klasse möglichst aus benachbarten Straßen kommen, dann können sie gemeinsam zur Schule gehen. Kinder wollen ja groß sein, der selbst bewältigte Schulweg gehört dazu, erwachsen zu werden.

Können die Kinder denn ihre Ranzen schleppen? Die sind ja manchmal sehr schwer. Und sind Trolleys eine gute Alternative?
Trolleys sind keine gute Wahl. Beim Hinterherziehen werden der Rücken und die Schulter einseitig belastet. Der Ranzen ist die bessere Alternative. Der muss passen, gut eingestellt sein, und beim Packen gehören die schweren Sachen nach unten und in Körpernähe. Was das Gewicht angeht: Ab und zu mal Ausmisten, da findet man manchmal unglaubliche Sachen, die da nicht hingehören, zum Beispiel Spielekonsolen, Mitbringsel, vollgeschriebene Schmierblöcke. Aus orthopädischer Sicht wird ein gut gepackter Ranzen den Rücken eher stärken als schwächen. Manche Lehrkräfte neigen dazu, dass die Schüler alles mitschleppen sollen, was möglicherweise im Unterricht zum Einsatz kommen könnte: das Lehrbuch, das Arbeitsheft, den Vokabeltrainer, den Block, den Hefter, das Regelheft und vielleicht noch die aktuelle Lektüre. Da kommen mitunter riesige Stapel zustande. Solche Aspekte sollten ebenfalls zu Beginn des Schuljahres am ersten Elternabend angesprochen werden. Natürlich sollte nicht mehr transportiert werden als tatsächlich auch gebraucht wird.

Schulverpflegung gehört wohl zu dem, was gebraucht wird. Oder hat das Pausenbrot angesichts von Kiosk- und Cafeteria-Angeboten ohnehin keine Chance mehr?
Ein Pausenbrot ist in jedem Fall sinnvoll. Man sollte aber mit dem Kind darüber reden, warum Süßigkeiten dafür kein Ersatz sind. Denn die führen letztlich zu einem sinkenden Blutzuckerspiegel und zu einem geringeren Leistungsvermögen. Und das Kind zu fragen, was es gerne isst, ist sicher auch kein Fehler. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Vollkornbrot, fettarmen Käse und Wurst, dazu Obst und Gemüse, ungesüßte Milchprodukte, vielleicht mal ein Smoothie.

Ist beispielsweise eine Traubenzuckertablette nicht doch sinnvoll? Manche Eltern sehen darin ein Mittel, das positiv auf die Konzentrationsfähigkeit wirkt, etwa vor Klausuren.
Es gibt beispielsweise durchaus erschreckende Studien über Medikamentenmissbrauch bei Studenten, im Management, im Sport. Wer das nicht will, sollte sich überlegen, wie er seine Kinder davor schützen kann. Man sollte aufpassen, Kinder darauf zu programmieren, dass es ihnen besser gehe, wenn sie dies oder jenes zu sich nehmen.

Ihre älteste Tochter ist 15 Jahre alt. Hat man als Vater oder Mutter da überhaupt noch die Möglichkeit, positiv einzuwirken? Oder ist der Zug abgefahren?
Zum Glück nicht. Natürlich sollte man früh damit anfangen, gesundes Verhalten einzuüben. Meine Kinder müssen, egal wie alt sie sind, damit rechnen, dass ich mit ihnen über gesundheitliche Fragen rede. Ich habe auch nicht die Erfahrung gemacht, dass ich damit auf völlige Ablehnung stoße. Mit Gegenargumenten muss man gerade bei den Älteren natürlich rechnen. Aber da müssen Eltern durch.

 

Interview: Peter Hanack