Schule in Zeiten von Corona

„Es bleibt eine Art Notfallmanagement"

Der Hessische Kultusminister Alexander Lorz spricht im Interview mit dem Wiesbadener Kurier darüber, wie künftig der Schulunterricht abläuft und wie die Lehrkräfte verteilt werden sollen.

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Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
© HKM/ Patrick Liste

Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sieht noch einen langen Weg bis zu einem normalen Schulbetrieb. Auch im neuen Schuljahr werde es noch Fernunterricht geben.

Herr Lorz, seit dem 27. April sind die Abschlussklassen wieder im Präsenzunterricht. Wie sieht Ihr Fazit aus?

Lorz: Das war quantitativ mit etwa 110.000 Schülern ein relativ kleiner, erster Schritt. Für den 18. Mai bereiten wir uns auf eine Größenordnung von 520.000 Schülern in den vierten Grundschulklassen und den weiterführenden Schulen vor. Wir haben bewusst einen Stufenplan gewählt, um den Schulen nach und nach den Schritt zum Präsenzunterricht zu ebnen. Das ist bisher gut gelaufen, ich habe gute Rückmeldungen von den Schulämtern und den Schulen erhalten. Auch der Landeselternbeirat und die Landesschülervertretung haben keine besonderen Auffälligkeiten gemeldet.

Am Montag (18. Mai) werden alle Schüler der weiterführenden Schulen und die Viertklässler der Grundschulen wieder den regulären Unterricht besuchen. Wie soll das räumlich mit höchstens 15 Schülern pro Klasse funktionieren?

Wir müssen klar der Illusion entgegentreten, dass dieser nächste Schritt bereits eine Rückkehr zum schulischen Normalbetrieb wie vor der Corona-Krise ist. Es bleibt eine Art Notfallmanagement. Wir versuchen, so viel Schulbetrieb herzustellen wie irgendwie möglich. Es ist unser Ziel, dass möglichst viele Schüler zumindest einen eingeschränkten Unterrichtsanfang, vor allem aber die Chance bekommen, sich mit ihren Lehrkräften persönlich auszutauschen. Es ist besser, wenn alle etwas bekommen, als wenn wenige in vollem Umfang beschult würden. Das heißt, wir holen alle wieder in die Schulen, aber nicht alle zur gleichen Zeit und auch nicht mit der gewohnten Stundentafel. Wir müssen die Kapazitäten betrachten, sowohl räumlich, als auch von der Zahl der zur Verfügung stehenden Lehrkräfte her. Es wird also im Wechsel oder in Schichten unterrichtet werden. Da gibt es verschiedene Modelle, die wir den Schulen an die Hand gegeben haben. Jede Schule kann daraus den Modus wählen, der am besten für sie passt.

Also etwa so, dass jeweils die Hälfte einer Klasse im täglichen Wechsel unterrichtet wird?

Das ist eines von mehreren Modellen, die ich für denkbar halte.

Gibt es genügend Lehrer? Viele Ältere fallen als Risikogruppe ja aus.

Das ist richtig. Etwa zehn Prozent der Lehrer in allen Schulformen sind über 60. Das ist eine im Bundesvergleich relativ niedrige Quote, weil wir in den vergangenen Jahren freie Stellen kontinuierlich nachbesetzt haben. Was wir im Moment noch nicht beziffern können, ist die Zahl der Lehrer, die unabhängig vom Alter wegen Vorerkrankungen nicht unterrichten können. Genau wissen wir das erst am 2. Juni, wenn auch die Klassen eins bis drei der Grundschulen wieder zum Unterricht kommen. Ich halte eine Fehlquote zwischen 15 und 20 Prozent für realistisch.

Am 2. Juni dürfte es richtig eng werden.

Wir haben den Grundschulen aufgegeben, dass sie mit den Viertklässlern die Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln einüben, auch damit diese die Kleinen dann an die Hand nehmen können. Aber natürlich wird man mit vier Jahrgangsstufen den Unterricht wieder einschränken und auch dort auf einen Wechsel von Klassen bzw. Jahrgangsstufen setzen müssen.

Die Lehrergewerkschaft GEW hat Zwangsabordnungen von Gymnasiallehrern an Grundschulen kritisiert. Was hat es damit auf sich?

Dahinter steckt als zentraler Gedanke: Grundsätzlich gibt es im hessischen Schulsystem ausreichend Lehrkräfte, wir müssen sie in Zeiten wie diesen nur anders verteilen. So wollen wir im kommenden Schuljahr auf Gymnasiallehrer zurückgreifen, weil wir davon im Verhältnis mehr haben als Grundschullehrer und damit die Grundschulen noch besser auszustatten. So können wir die vermutlichen Fehlquoten an den Grundschulen ausgleichen. Das ist gewiss besser, als Unterricht ausfallen zu lassen oder nicht voll ausgebildete Lehrer an die Schulen zu schicken. Ich kann nicht ausschließen, dass neben Neueinstellungen auch bereits beschäftige Gymnasiallehrer an Grundschulen eingesetzt werden. Klar ist aber auch, dass dafür nicht am Gymnasium Unterricht ausfallen darf. Wir werden dann dort für frischen Ersatz sorgen, den wir auf unseren Ranglisten noch ausreichend haben.

Stefanie Hubig, Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, geht davon aus, dass es auch im neuen Schuljahr nach den Sommerferien Fernunterricht geben wird. Teilen Sie diese Einschätzung?

Solange wir mit dem Abstandsgebot in deutlich kleineren Klassen unterrichten müssen, werden wir keinen Präsenzunterricht in vollem Umfang zur Verfügung stellen können. Das heißt, wir müssen das Lernen zuhause weiter als zusätzliche Alternative ausbauen. Der digitale Fernunterricht wird im Herbst sicher noch eine Rolle spielen.

Es bleibt dabei, dass die Abschlussprüfungen für Haupt- und Realschüler wie geplant stattfinden?

Ja. Wir haben gute Erfahrungen mit den Abiturprüfungen gemacht, und ich sehe keinen Grund, nun anders zu verfahren.

Wie erleben Sie persönlich die „neue Zeit“ mit Homeoffice, Telefon- und Videokonferenzen?

Ich vermisse den persönlichen Kontakt schon sehr und freue mich, dass jetzt nach und nach wieder Begegnungen mit „echten Menschen“ möglich werden. Das kann man mit Telefon- und Videoschalten leider nicht ersetzen. Das gilt natürlich auch in der Schule. Fernunterricht kann niemals den Präsenzunterricht vollständig ersetzen. Das wäre auch so, wenn alle Beteiligten technisch perfekt ausgerüstet wären. Ich sehne mich danach, wieder mehr Gespräche persönlich führen und auch wieder Schulen besuchen zu können.

 

Das Interview führte Christian Stang. Es ist am 16.05.2020 im Wiesbadener Kurier erschienen.

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