Interview mit News4teachers

Handschrift

Welche Bedeutung hat das Schreiben mit der Hand heute noch? Diese und weitere Fragen beantwortet Kultusminister Lorz im Gespräch mit News4teachers.

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Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz
© HKM / Manjit Jari

News4teachers: Ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass Kinder eine Handschrift erlernen? Und, wenn ja, warum?

Lorz: Unbedingt, denn es gibt nichts Persönlicheres als die individuelle Handschrift. Das Erlernen einer Schreibschrift, unserer zentralen Kulturtechnik, ist wichtig, um flüssig, zügig und gut lesbar schreiben zu können. Das handschriftliche Schreiben sehen wir dabei nicht nur als Mittel, um Informationen festzuhalten und sich anderen mitzuteilen, sondern zugleich als Instrument, um sich die eigenhändig formulierten Texte und Inhalte besser einprägen zu können. Deshalb nimmt das Schreibenlernen an unseren Grundschulen einen derart großen Raum ein.

News4teachers: Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Ist Handschreiben da nicht ein bisschen antiquiert?

Lorz: Ganz im Gegenteil. Es geht letztlich darum, die Chancen der Digitalisierung im Unterricht zu nutzen, ohne auf Altbewährtes zu verzichten. Jüngere Untersuchungen belegen im Übrigen übereinstimmend, dass Kinder vor allem haptisch lernen und Buchstaben im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal begreifen müssen. Gerade diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Erlernen der verbundenen Handschrift in unseren Schulen aktueller denn je ist.

News4teachers: Lehrkräfte beklagen, dass immer mehr Kinder Schwierigkeiten damit haben, eine gute Handschrift zu entwickeln – was ist Ihrer Meinung nach dagegen zu tun?

Lorz: Einige Kinder verfügen bei der Einschulung über nicht altersgemäße grob- und feinmotorische Fähigkeiten und haben deshalb Schwierigkeiten, eine strukturierte Handschrift zu entwickeln. Die Herausbildung einer gut lesbaren Schrift ist in Hessen deshalb von Beginn an unverzichtbarer Bestandteil des Unterrichts. Und wie im Sport gilt auch hier der althergebrachte Grundsatz „Übung macht den Meister!“.

News4teachers: Es gibt keinen Lehrstuhl in Deutschland, der sich mit dem Thema Handschreiben beschäftigt. Auch große Schülerleistungsstudien schauen zwar auf die Rechtschreibung, interessieren sich aber nicht für die Handschrift. Verdient das Thema mehr wissenschaftliche Aufmerksamkeit?

Lorz: Sicherlich wäre es begrüßenswert, auch von wissenschaftlicher Seite diesem Thema erhöhte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, denn erst die Verknüpfung von wissenschaftlicher und schulpraktischer Expertise ermöglicht eine erfolgreiche Weiterentwicklung unseres Kenntnisstandes über die Handschrift. Ich appelliere deshalb auch ein stückweit an den Forschungssektor, sich verstärkt dem Thema zu widmen.

News4teachers: Mit welchen Erwartungen blicken Sie auf das Symposium?

Lorz: Das Symposium wird hoffentlich dazu beitragen, einen größeren Kreis innerhalb des Bildungsbereichs und vielleicht auch darüber hinaus zu sensibilisieren. Die Liste der geladenen Referentinnen und Referenten klingt in jedem Fall vielversprechend und wird für anregende Diskussionen sorgen.

News4teachers: Sie haben für Hessen bereits einen „Tag der Handschrift” ausgerufen. Wie möchten Sie das Thema voranbringen?

Lorz: Sich schriftlich mitteilen zu können ist eine der Schlüsselqualifikationen zur Teilhabe an unserer heutigen, mehr denn je auf Kommunikation ausgerichteten, Gesellschaft. Deshalb haben wir dem Schreiben mit der Hand und der Entwickelung einer gut lesbaren Handschrift einen besonderen Stellenwert in unserem aktuellen Koalitionsvertrag eingeräumt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden zudem durch Fortbildungsangebote für Grundschullehrkräfte in die Schulen hineingespiegelt. Der Tag der Handschrift dient gleichsam als Leuchtturmprojekt, um breitere Bevölkerungsschichten auf das Thema aufmerksam zu machen. Die bisher gemachten Erfahrungen sind bereits jetzt sehr erfolgversprechend.

News4teachers: Gibt es im Rahmen der Kultusministerkonferenz Bestrebungen, das Handschreiben verstärkt zu thematisieren?

Lorz: Die Vermittlung der Bildungssprache Deutsch ist Grundlage jeglichen schulischen Erfolgs. Vor dem Hintergrund der Herausforderungen, denen wir hierbei aktuell gegenüberstehen, habe ich dieses Themenfeld ganz bewusst als Schwerpunkt unserer diesjährigen KMK-Präsidentschaft gewählt. Derzeit ist eine entsprechende Empfehlung in Abstimmung, die voraussichtlich im Dezember verabschiedet werden kann. Auch wenn bereits einiges auf den Weg gebracht wurde, hoffe ich, dass die Länder die Empfehlung nutzen und das Schreiben mit der Hand in Zukunft weiter stärken werden.

 

Die Fragen stellte Andrej Priboschek.

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