Interview mit der KMK

Interview mit der KMK

Erasmus+, das EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport, läuft noch bis Ende 2020. Doch bereits jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt. In regelmäßigen Interviews mit Politikern und Programmnutzern begleitet der Pädagogische Austauschdienst (PAD) der Kultusministerkonferenz die Diskussion über Erasmus+ und sein Nachfolgeprogramm.

minister_lorz-artikeljpg.jpg

Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz
© HKM

Herr Minister Lorz, in diesem Monat eröffnen Sie eine Fachtagung des Pädagogischen Austauschdienstes, die unter dem Titel steht: "Lernen wie Erasmus: denn Austausch bildet". Haben Sie in Ihrem Leben Erfahrungen gemacht, die diese Aussage aus persönlicher Sicht bekräftigen können?

Wenn ich über die Rolle Deutschlands in der Europäischen Union nachdenke, wird mir eines sofort deutlich: Selbst wenn die Europäische Union nicht mehr gebracht hätte als die Schaffung einer Kultur der Zusammenarbeit und der Kooperation in Europa, es hätte sich bereits gelohnt. Die europäische Friedensdividende ist etwas ganz und gar Einzigartiges. Wer außerhalb der Europäischen Union eine gewisse Zeit verbringt, der wird schnell merken, wie sehr "Europa" schon zur eigenen Identität geworden ist; etwas das uns im Alltag manchmal gar nicht wirklich bewusst ist.

Im Rahmen eines Aufenthalts im Ausland wird einem darüber hinaus bewusst, wie wenig selbstverständlich die Errungenschaften der Europäischen Union tatsächlich sind. Das gemeinsame Wertefundament, die kulturelle Vielfalt in Europa, ökologische Akzentsetzungen, die gesellschaftliche Offenheit und Liberalität, das gibt es in diesem Gleichklang nur in der Europäischen Union. Ein Austausch weitet den Blick auf vielleicht noch nicht bekannte Regionen und Kulturen. Ein Austausch verändert aber auch den Blick auf uns selbst und ermöglicht eine Form der Wertschätzung für Dinge, die uns zuhause manchmal selbstverständlich erscheinen.

Das Land Hessen, dessen Kultusminister Sie sind, engagiert sich besonders für seine "Europaschulen". Was bedeutet es, in Hessen als "Europaschule" ausgezeichnet zu werden?

Das Europaschulprogramm ist ein besonderes Schulentwicklungsprogramm im Land Hessen. Die Hessischen Europaschulen zeigen als Leuchttürme, wie wir im Unterricht fächerübergreifend das Thema Europa vermitteln wollen. Wir verfolgen mit den Europaschulen die Idee, Europabildung als Querschnittsaufgabe bzw. als Rahmen für die curriculare, methodische, institutionelle und personale Entwicklung von Schule zu verstehen. Wir wollen zeigen, dass Europa mehr ist als eine ökonomische Zweckgemeinschaft. Die EU ist eine Wertegemeinschaft.

Die Schülerinnen und Schüler wollen wir für ein weltoffenes Denken und für das Arbeiten in Europa gewinnen. Europaschulen lehren und leben Werte wie Toleranz, Respekt, Solidarität und Nicht-Diskriminierung. Und natürlich stehen die Europaschulen auch für die langjährigen Partnerschaften in- und außerhalb Europas, für Schülerreisen und Austauschprojekte.

Insgesamt 34 Schulen unterschiedlicher Schulformen und ein Studienseminar für berufliche Schulen sind derzeit in Hessen Teil des Europaschulprogramms. Die teilnehmenden Schulen geben sich für den Unterricht ein eigenes Europäisches Curriculum, und wir stellen für die Teilnahme hohe Qualitätsansprüche an die jeweilige Schulentwicklung. Im vergangenen Jahr konnten ca. 800 Europaschulprojekte an den teilnehmenden Schulen umgesetzt werden.

Europa erlebt seit einigen Jahren schwierige Zeiten. Populismus, Nationalismus und Europaskepsis haben sich in vielen Mitgliedstaaten auch politisch formiert. Mit welchen Argumenten würden Sie Schulen zu überzeugen versuchen, durch europäische Austauschprojekte Spaltung und Extremismus entgegenzuwirken und stattdessen die friedensstiftende Integration in Europa zu stärken?

Austausche schaffen Vertrauen und Verständnis füreinander. Wer über den Tellerrand schaut, der hilft, Vorurteile abzubauen. Johann Wolfgang von Goethe schrieb einmal zutreffend: "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen."

Es gibt aber auch ganz handfeste Argumente, sich für einen Auslandsaustausch zu entscheiden. Man schult im Ausland kognitive Fähigkeiten, ein Austausch lehrt unkonventionell zu denken. Sich im Ausland zurechtzufinden, stärkt soziale Kompetenzen, das Selbstbewusstsein und die Bereitwilligkeit Verantwortung zu übernehmen. Austausche dienen nicht zuletzt dem Spracherwerb und stärken die eigene Kommunikationsfähigkeit.

Der Aufenthalt im Ausland ist allerdings nicht nur etwas für den "Lebenslauf". Wer an einem Austausch teilgenommen hat, besitzt eine andere Sensibilität für Europa. Man entdeckt Europa mit Kopf, Herz und Händen in einer völlig anderen Weise, als dies im Klassenraum möglich wäre. Programme wie Erasmus+ füllen die Idee der europäischen Integration, den "European way of life" mit Leben. Gerade in Zeiten, da sich vermehrt Menschen von Europa abwenden und nationalstaatliches Denken wieder in den Vordergrund rückt, sind sie für die Zukunft eines vereinten Europas von großer Bedeutung.

Das EU-Programm Erasmus+ soll ab 2021 deutlich ausgeweitet werden: Das Budget soll verdoppelt werden, und die Zahlen der Schülerinnen und Schüler, die an Austauschmaßnahmen teilnehmen können, sollen sogar verdreifacht werden. Mit dem Budgetaufwuchs und vereinfachten Antragsverfahren wird das Programm voraussichtlich vielen neuen Schulen die Chance geben, an europäischen Projekten mitzuwirken. Wie beurteilen Sie als Präsident der Kultusministerkonferenz diese Entwicklung? Wie können die Kultusminister ihre Schulen auch in Zeiten von Lehrermangel unterstützen, an Austauschprojekten teilzunehmen?

Wir als Länder sind eng mit unseren europäischen Nachbarn verflochten. Wir haben im Herzen Europas auch gar keine andere Wahl. Wir leben von der Vernetzung, vom Austausch, von der Vertiefung der europäischen Integration. Daher sind wir der Europäischen Kommission dankbar dafür, dass immer mehr Mittel auch den Schulen zu Gute kommen. Erasmus+ ist eine der unbestreitbaren Erfolgsgeschichten der EU – etwas, das man vor dem Hintergrund der "schlechten" Presse, die "Brüssel" oftmals hat, durchaus unterstreichen kann. Es ist das größte Austauschprogramm der Welt und aus den Bildungsbiografien vieler junger Menschen nicht mehr wegzudenken.

Schülerfahrten und die Bildungszusammenarbeit zwischen Partnerschulen richten sich häufig an regionalen Entwicklungen aus, wie zum Beispiel an den bestehenden Städtepartnerschaften. Als Kultusministerium versuchen wir darüber hinaus, den Schulen Unterstützung zu ermöglichen: Wir helfen beispielsweise durch Anlaufstellen und Beratung bei der Antragstellung für die Mittel des Programms Erasmus+. Mit unseren offiziellen Partnerregionen bestehen vielfältige vertragliche Vereinbarungen zum gegenseitigen Austausch in Europa.

Darüber hinaus haben wir als Länder ein Interesse, das Programm Erasmus+ konzeptionell und finanziell weiterzuentwickeln. Das Programm muss besser auf die Bedürfnisse von Schulen zugeschnitten werden. Häufig ist es gar nicht so einfach für kleinere Schulen, die für die Antragstellung erforderlichen Sach- und Personalressourcen zu mobilisieren. Es macht eben einen Unterschied, ob gut ausgestattete Auslandsbüros großer Universitäten sich um Erasmus+-Mittel bewerben oder kleine regionale Grundschulen.

Und für den beruflichen Bereich gilt: Wir müssen auch die Beteiligung der Berufsschulen an dem Programm erhöhen, damit zum Beispiel Auszubildende Betriebspraktika im Ausland absolvieren können. Bund und Länder sollten gemeinsam Unternehmen und Betriebe dafür sensibilisieren, die EU-Mittel für die Mobilität von Auszubildenden zu nutzen.

Ich finde, Erasmus+ sollte perspektivisch für den schulischen Bereich den gleichen Stellenwert einnehmen, wie für die Hochschulen.

In diesem Monat wählen die Bürgerinnen und Bürger ein neues Europäisches Parlament. Von dieser Entscheidung hängt ab, wie sich die Europäische Union weiter entwickeln wird. Was möchten Sie den Schülerinnen und Schülern, die erstmals wahlberechtigt sind, für diese Wahl mit auf den Weg geben?

Wir erleben heute eine greifbare Verschiebung der Kräfteverhältnisse in der Welt. Wer in Indien oder in China unterwegs ist, der spürt eine immense gesellschaftliche Dynamik. Diese Dynamik wird das Leben der heutigen und der kommenden Schülergenerationen in einer Weise prägen, wie uns das heute vielleicht noch nicht bewusst ist.

Was folgt daraus? Für mich ist klar, dass es der heutigen Generation in Deutschland nicht auf Dauer gut gehen kann, wenn es Europa schlecht geht. Wir brauchen daher eine starke Europäische Union. Deutschland ist ein großes Land in Europa. Aber in der Welt sind wir ziemlich klein. Kein einzelnes europäisches Land, auch nicht die Bundesrepublik, wird künftig zu den großen Fragen unserer Zeit allein Gehör finden. Unsere Stimme wird in der Welt von morgen nur wahrnehmbar sein, wenn wir sie gemeinsam als Europäische Union erheben.

Der Brexit zeigt, wie leicht die Europäische Union angreifbar ist. Wir dürfen sie nicht als etwas Selbstverständliches ansehen. Sie braucht junge Menschen, die für sie einstehen, die Europa mit eigenen Händen erfahren und erleben. Das beste Gegenmittel gegen populistische Tendenzen ist das Engagement der Jugend. Ich bin überzeugt, dass Empathie für die Idee eines geeinten Europas nur entstehen kann, wenn diese Idee durch Schülerinnen und Schüler und die bestehenden Austausche erfahrbar wird und auf diese Weise von jungen Menschen getragen und auch eingefordert wird.

Jeder Einzelne kann hierfür etwas tun: in Gesprächen im Freundeskreis die europäische Idee in Schutz nehmen, sich für Erasmus+ oder Interrail bewerben, Freundschaften über die Landesgrenzen hinweg pflegen und natürlich auch seine Stimme bei der Europawahl abgeben. Jeder kleine Beitrag hilft, Europa eine gute Zukunft zu ermöglichen. 

 

Das Gespräch führte: KMK

Schließen