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Interview

Kultusminister Lorz im Interview mit dem IHK-Report

Im Interview mit dem IHK-Report erläutert der hessische Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz die Bildungspolitik des Landes, seine Amtsziele und wie wichtig die Berufsorientierung der Schüler ist.

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Kultusminister Lorz im Interview mit der IHK
© IHK / Paul Müller

IHK-Report: Wie sind Ihre Erfahrungen nach den ersten Monaten Ihrer Amtszeit?
Prof. Dr. Lorz: Sie dürfen nicht vergessen, ich bin in diesem riesigen Bereich Bildung schon ein bisschen länger unterwegs durch die zwei Jahre, die ich vorher schon Staatssekretär in diesem Hause war und davor zwei Jahre als Staatssekretär im Wissenschaftsministerium. Außerdem bin ich von Beruf Hochschullehrer. Bildung und Ausbildung sind das Geschäft meines Lebens und etwas, dem ich mich verschrieben habe. Deswegen ist es schön, nachdem ich es lange Zeit praktisch ausgeübt habe, es jetzt auch politisch zu begleiten. Was einem natürlich schon auffällt, ist die Emotionalität, mit der die Debatten in diesem Bereich geführt werden. Es kommt hier sehr viel auf Psychologie und Kommunikation an.

Was setzen Sie als Hauptziele für Ihre Amtsperiode? Wo würden Sie sagen: Das muss ich unbedingt durchsetzen!
Wenn wir schon beim emotionalen Bereich anfangen, dann würde ich sagen: Wenn es mir gelingen würde, etwas Dampf aus dieser schulpolitischen Debatte herauszunehmen und gewisse Konsensspielräume auch über die Parteigrenzen hinweg und im  Zusammenwirken mit der Wirtschaft und anderen Beteiligten auszuloten, wäre schon viel gewonnen. Wir haben in Hessen ein sehr vielfältiges Schulsystem. Wir müssen sicherlich darüber nachdenken, ob wir alles so aufrechterhalten können und wollen, aber grundsätzlich halte ich Schulvielfalt für eine gute Sache, gerade weil sie ermöglicht, individuell auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler einzugehen. Im vergangenen Jahr war die Diskussion voll und ganz auf den gymnasialen Bildungsgang fokussiert, nun ist es an der Zeit, wieder das ganze Spektrum in den Blick zu nehmen, gerade auch die Berufsbildung. Das wäre mir ein wesentliches Anliegen.
Außerdem haben wir eine große Herausforderung vor uns, das Ganztagsprogramm, das heißt: Wir möchten bis zum Ende der Legislaturperiode zu einer Bildungs- und Betreuungsgarantie für alle Grundschülerinnen und Grundschüler kommen. Wichtig ist mir auch die Unterrichtsqualität. Ich will wirklich den guten Unterricht in den Vordergrund stellen. Ich halte diese Debatte für wichtiger als alles, was wir zu Strukturen und Formen miteinander diskutieren, und dann sind wir eben auch bei dem Punkt der Lehrerbildung. Das ist sozusagen das ganz dicke Brett, das ich aber zumindest anbohren möchte.

Wie können sich die IHKs neben der politischen Begleitung noch weiterhin operativ einbringen?
Eine wesentliche Aufgabe der Wirtschaft ist es, den Schülerinnen und Schülern ihre beruflichen Perspektiven aufzuzeigen. Der Großteil der jungen Menschen, die aus der Schule kommen, geht entweder direkt oder nach einem weiteren Ausbildungszwischenschritt in eine Beschäftigung in der Wirtschaft.  Je mehr sie die Perspektiven schon vor Augen haben und wissen, welche Möglichkeiten sie auf der Basis eines entsprechenden Schulabschlusses haben, umso motivierter sind sie in der Regel auch, sich in der Schule zu engagieren. Deshalb ist es wichtig, schon in der Schule aufzuzeigen, dass die Schule kein Selbstzweck ist, sondern  junge Menschen vor allem befähigen soll, ihr Leben zu gestalten. Je klarer ihnen das vor Augen steht, umso einfacher wird es.

Wenn wir jetzt mal ganz konkret ein kleines Unternehmen als Beispiel nehmen, große Unternehmen sind da ja sehr aktiv und haben eigene Schulprogramme. Sollten sich auch kleinere Unternehmer stärker engagieren? Was sollten wir und Sie tun, damit kleinere Unternehmen sich besser vorbereitet fühlen?
Die große Stärke unserer Wirtschaft und damit auch unserer Gesellschaft ist  die Basis in den kleinen und mittelständischen Unternehmen. Das ist ein Pfund, das wir uns bewahren müssen, und dafür brauchen wir den Nachwuchs. Damit sind wir beim Thema Fachkräfte. Deswegen ist es wichtig, dass die jungen Leute von Anfang an im Blick haben, dass es eben nicht nur Siemens, Lufthansa oder auch Merck gibt, sondern dass da draußen unendlich viele Firmen existieren, die höchst erfolgreich sind, bei denen man tolle Karrierechancen hat und deren Namen man überhaupt nicht kennt, wenn man nicht in der Branche tätig ist. Wir müssen die Schulen und die Betriebe einfach noch besser zusammenbringen. Und wenn uns die Kammern dabei helfen könnten, indem sie eine Art Bündelungseffekt für die kleinen und mittelständischen Betriebe bewirken und wir dann umgekehrt die Kontakte zu Schulen vermitteln könnten, wäre das eine gute Ausgangsbasis.

Was würden Sie ganz konkret einem Unternehmer sagen, den sie begeistern wollen mit regionalen Schulen zu kooperieren? Wie würden Sie ihn überzeugen, dass er dann sagt: Das mache ich jetzt!?
Ich würde entweder versuchen, ihn tatsächlich bei seinem ganz persönlichen Interesse zu packen, und einfach fragen, ob er zum Beispiel ausbildet und wie die Lage von den Bewerbern und Bewerberinnen her bei ihm aussieht. Wenn er dann sagt, dass er da schon den einen oder anderen Wunsch habe, würde ich ihm sagen, dass er seinen Wunsch am besten dorthin tragen soll, wo die Entscheidungen getroffen werden, und das ist nun mal die Schule. Vielleicht würde ich es aber auch über die gesamtgesellschaftliche Ebene versuchen: Wir leben schließlich davon, dass alle Segmente unserer Gesellschaft in irgendeiner Form ineinander greifen, d.h. die Schule kann sich nicht vom Rest der Gesellschaft separieren und die Wirtschaft auch nicht.

Die Berufsorientierung soll künftig auch an Gymnasien verbessert werden. Einen entsprechenden Erlass gibt es aber noch  nicht. Warum?
Wir haben bereits die ersten Gymnasien, die unser Gütesiegel Schule und Berufsorientierung erworben haben. Von daher müssen wir schauen, ob die Notwendigkeit besteht, das noch extra im Erlass verschriftlichen zu müssen, denn es funktioniert auch so schon. Und ich setze einfach auf einen Eisbrecher-Effekt. Ich meine, es gibt immer ein paar Wagemutige, die fangen einfach an und wenn sie dann Erfolg haben, erzählen sie es ein paar anderen weiter. Die erzählen es auch wieder weiter, und so entsteht der Schneeballeffekt, der hier wünschenswert ist. Es wird ein bisschen dauern, bis sich die Breite der Gymnasien davon angesprochen fühlt. Aber wenn wir es  kontinuierlich ins Bewusstsein rufen, habe ich keine Zweifel daran, dass es funktioniert.

50 Prozent eines Jahrgangs gehen mittlerweile auf ein Gymnasium, viele von ihnen studieren dann auch. Ist es Ziel des Kultusministeriums, dass wir alle mal studiert haben und alle Professor werden?
Nein, sicherlich nicht. Ich halte auch, ehrlich gesagt, diese Orientierung auf Quoten hin grundsätzlich für schädlich. Das gilt übrigens in beide Richtungen. Für mich ist wichtig, dass die jungen Menschen sich wohlbegründet und in einer nüchternen Analyse ihrer eigenen Präferenzen und Begabungen für den richtigen Weg entscheiden können. Dafür müssen sie aber die Wege kennen, und das ist der Aspekt der Berufs- und Studienorientierung. Sie müssen beispielsweise auch sehen, dass es die akademische und die berufliche Ausbildung gibt und dass das die beiden starken Säulen sind, auf denen unser Ausbildungssystem beruht. Das kann man vielfältig kombinieren. Wir haben die Hochschulen auch geöffnet für beruflich Qualifizierte. Das ist ein ganz wichtiger Schritt. Bei jedem Bildungsweg, den wir in unserem Bildungssystem beschreiben, gibt es an einer Stelle eine Möglichkeit anzudocken und weiter zu kommen. Das ist im allgemeinen Bewusstsein nur nicht so verankert.

Wir sagen immer: Der Lehrer ist entscheidend. Der Lehrer war in der Schule, dann hat er studiert und danach kommt er wieder in die Schule zurück. Studienorientierung beherrschen die Lehrer gut, aber wie bekommen wir die Orientierung für das Berufsleben in allen Schulzweigen hin?
In den beruflichen Schulen stellt sich das Problem ja sowieso nicht, weil diese Lehrer normalerweise aus den Betrieben kommen. Auch die Haupt- und Realschullehrer sind da gut aufgestellt. Natürlich ist die Orientierung in Gymnasien traditionell eine andere. Deswegen ist da der Weg am schwersten. Aber auch dort realisieren die Lehrerinnen und Lehrer zunehmend, dass für einen Großteil ihrer Schülerinnen und Schüler die berufliche Ausbildung zunächst der richtige Weg ist und das Interesse steigt. Und es gibt ja immer noch die Möglichkeit, Leute aus der Praxis in die Schule zu holen, die dann live und in Farbe erzählen können.

IHK-Report: Viele tausend Schüler in Hessen sind in dem Übergangssystem statt in einer Ausbildung, da es an Basis- und Persönlichkeitskompetenzen wie Pünktlichkeit und Anwenden des Dreisatzes mangelt. Könnte man nicht - statt das Geld außerhalb der Schule auszugeben - einfach drei bis vier Lehrer pro Schule mehr und ein paar Schulpsychologen einstellen, die die Schule befähigen können, dass die Kinder am Ende ihrer Laufbahn in die Ausbildung gehen können?
Dreisatz, Satz des Pythagoras und Prozentrechnung – das  gehört natürlich zu den Kernaufgaben von Schule. Wir müssen den jungen Leuten aber vermitteln, dass sie das nicht nur lernen, weil Pythagoras ein großer Mann war und weil die Antike irgendwie zur Bildung gehört, sondern weil das einen ganz praktischen Nutzwert hat. Da sind wir genau wieder bei der Berufs- und Studienorientierung, damit die jungen Menschen noch motivierter sind das zu lernen und vor allem auch zu behalten.
Der Erwerb der sozialen Kompetenzen ist allerdings eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch die Wirtschaft als eine ihrer Aufgaben verstehen muss. In der Schule tun wir das und reagieren zum Beispiel mit dem verstärkten Einsatz sozialpädagogischer Fachkräften.
Das Übergangssystem an sich kommt aus Zeiten, als es auf dem deutschen Ausbildungsmarkt schwierig war und man den Jugendlichen, die nicht direkt einen Ausbildungsplatz fanden,  die Perspektive geben wollte, sich zumindest weiterzubilden. Inzwischen haben sich die Zahlen zu Gunsten der Ausbildungsplatzbewerber verschoben. Ich bin gerne bereit, das vollschulische Angebot überall dort zurückzunehmen, wo entsprechende duale Ausbildungsangebote vorhanden sind. Ich glaube aber, wir sind noch nicht in der Situation, dass wir das jetzt auf einen Schlag wegnehmen könnten.

Was uns noch sehr wichtig ist, ist das Thema MINT – die Bildung in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Wie können wir es besser fördern, dass mehr Kinder sich für das Thema MINT interessieren und dass sie Technik und Naturwissenschaften begeistert annehmen? Warum gibt es in der Schule die Fächer Biologie und Physik, aber nicht das Fach Technik?
Vielleicht geben Sie mir ja Recht, wenn ich sage, dass diese Naturwissenschaften die Grundlage sind für alles, was Sie in dem Bereich Technik machen können. Wenn man sich über Mathematik, Physik oder im Bereich der Lebenswissenschaften über Biologie und Chemie qualifiziert hat, ist der Schritt von dort in einen technischen Beruf eigentlich nicht mehr weit. Trotzdem bleibt es eine ständige Herausforderung, da die MINT-Fächer auch als schwer gelten und sich Schüler allein deswegen nicht an sie heran trauen. Diese Hemmschwellen muss man gerade für die Mädchen überwinden, deswegen gibt es solche Angebote wie MINT-Camps-for-Girls. Wir haben aber auch die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Fächer im Curriculum und im Abitur erhöht. Wir sind ziemlich stolz darauf, dass wir in Hessen 25 Prozent haben, die einen naturwissenschaftlichen Leistungskurs wählen. Das ist mehr als der Bundesdurchschnitt, denn da sind es nur etwas über 16 Prozent. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Das Interview führten Dr. Roland Lentz, Leiter des Geschäftsbereich Innovation und Umwelt bei der IHK Darmstadt und Federführer Schule/Hochschule für die Arbeitsgemeinschaft der zehn hessischen IHKs sowie Thomas Klein, Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit bei der IHK Darmstadt.