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Kultusminister Lorz im Interview

Kultusminister: „Unterricht und Betreuung verzahnen“

Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz: „Wir können keine Blaupause zeichnen, sondern verhandeln mit jedem einzelnen Schulträger“

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Kultusminister Lorz im Gespräch mit der Oberhessischen Presse
Der hessische Kultusminister Alexander Lorz während des OP-Gesprächs.
© Oberhessische Presse / Tobias Hirsch

Von Till Conrad


Oberhessische Presse: Wie weit ist Hessen mit der Entwicklung von Ganztagsangeboten für die Schülerinnen und Schüler?

Kultusminister Lorz: Wenn wir alles zusammennehmen, sind wir jetzt bei 63 Prozent der Schulen, die Ganztagsangebote machen. Wie viele Schüler die Angebote nutzen, können wir nicht präzise erfassen, weil das ja zum großen Teil freiwillig ist.

Oberhessische Presse: Gibt es regionale Unterschiede?

Kultusminister Lorz: Im ländlichen Bereich ist der Bedarf niedriger als in den Ballungsgebieten. Auf dem Land nutzen zum Teil nur 40 Prozent die Angebote, in den Großstädten sind es 80 Prozent und mehr.

Oberhessische Presse: Wo gibt es den größten Bedarf für mehr Ganztagsangebote?

Kultusminister Lorz: Wir konzentrieren uns auf den Ausbau der Grundschulangebote. Wir werfen im kommenden Jahr über 300 Stellen für den Ausbau der Ganztagsschulangebote ins Feuer. Das müssen uns andere Länder erst einmal nachmachen.

Oberhessische Presse: Koalition und Regierung bewerten die Entwicklung von Schulen hin zur Ganztagsschule diametral anders als die Opposition(?). Die Regierung teilte mit, dass im kommenden Schuljahr 9 weitere Schulen gebundene Ganztagsschulen werden, und hält das für eine starke Leistung.

Kultusminister Lorz: Wir haben es allen Schulen, die zum kommenden Schuljahr in die gebundene Form wechseln wollten, ermöglicht, diesen Wandel auch tatsächlich vorzunehmen. Zusammen mit den 85 schon jetzt als gebundene Ganztagsschule arbeitenden, nehmen dann an 94 Schulen die Schülerinnen und Schüler für mindestens sieben Zeitstunden an Unterricht und Ganztagskursen teil. Ein Vielfaches von Schulen arbeitet aber auch unterhalb dieses Levels „gebundene Ganztagsschule“ im ganztägigen Betrieb. Das reicht von der pädagogischen Mittagsbetreuung bis hin zu teils verpflichtenden, teils freiwilligen Angeboten. Dazu kommen die Grundschulen, für die wir einen „Pakt für den Nachmittag“ geschlossen haben.

Oberhessische Presse: Einst heiß umstritten, herrscht beim Thema Ganztagsschule heute weitgehend Einigkeit. Die Frage, ob Schüler noch Zeit haben, um im Verein Sport zu betreiben oder ein Musikinstrument zu erlernen, ist völlig vom Tisch.

Kultusminister Lorz: Aber sie taucht in der konkreten Verwirklichung als Herausforderung wieder auf. Zu Recht, denn natürlich müssen Kinder und Jugendliche am Nachmittag Zeit haben für ihre Hobbys, für Sport, für Musik und ähnliches. Schule und Vereine müssen sich also entsprechend vernetzen. Da müssen Vereine in die Schule rein, und umgekehrt müssen sich noch mehr Schulen für Vereine öffnen.

Oberhessische Presse: Diese Diskussion ist aber zehn Jahre alt oder älter. Was kann die Schulverwaltung tun, damit hier schneller Fortschritte erzielt werden?

Kultusminister Lorz: Das ist auch eine Frage des Bewusstseinswandels. Den kann man nicht erzwingen. Wir sorgen aber beispielsweise dafür, dass sich gute Praxisbeispiele herumsprechen. Und beim „Pakt für den Nachmittag“ für die Grundschulen , den das Land und der jeweilige Schulträger abschließen, sorgen wir dafür, dass für jede Schule entsprechend maßgeschneiderte Lösungen gefunden werden. Das funktioniert zusehends besser.

Oberhessische Presse: Im kommenden Schuljahr kommen zehn neue „Pakte“ hinzu. Stadt Marburg und Landkreis Marburg-Biedenkopf sind nicht dabei. Was muss denn ein Schulträger für Voraussetzungen erfüllen, damit Sie als Land einen Pakt für den Nachmittag abschließen.

Kultusminister Lorz: Es geht uns darum, den Schülerinnen und Schülern an Grundschulen sowie an Grundstufen der Förderschulen ein verlässliches und am Bedarf orientiertes ganztägiges Bildungs- und Betreuungsangebot machen zu können. Dazu verzahnen wir Unterricht und Betreuung. Grundschulen planen, entwickeln und gestalten gemeinsam mit Trägern der freien und der öffentlichen Jugendhilfe und dem Schulträger ein integriertes Konzept für Bildungs- und Betreuungsangebote als Teil des Schulprogramms. Natürlich gibt es dazu Kriterien, beispielsweise baulicher Art. Aber die Verhältnisse vor Ort sind überaus unterschiedlich in Hessen, ein regelrechter Flickenteppich. Wir können daher keine Blaupause zeichnen, sondern verhandeln mit jedem einzelnen Schulträger, im Prinzip für jede einzelne Schule, um die beste Lösung für Unterricht und Betreuung. Das ist ein mühsames Geschäft. Aber es lohnt sich.

Die Stadt Marburg hat uns im Übrigen bereits signalisiert, dass sie im übernächsten Schuljahr – also ab 2017/18 – im Pakt für den Nachmittag dabei sein wollen.

Oberhessische Presse: Die schulpolitischen Debatten in Hessen, jedenfalls zumindest bezüglich der Ganztagsschulen, sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Im Grundsatz sind sich alle einig, nur beim Tempo des Ausbaus herrscht Uneinigkeit.

Kultusminister Lorz: Es gibt einen wesentlichen Unterschied: Die Opposition erkennt nur gebundene Ganztagsschulen als sogenannte „richtige“ Ganztagsschulen an. Da steigern wir uns im kommenden Schuljahr nur von 85 auf 94. Natürlich bräuchten wir sehr lange bis zur flächendeckenden Ganztagsschule, wenn wir in diesem Tempo weiter ausbauen. Aber ich hatte zum Schuljahr 2016/2017 nun einmal nur neun Schulen, die gebundene Ganztagsschulen werden wollen. Mehr Bedarf war nicht da. Und ich werde Schulen nicht zwingen, gebundene Ganztagsschule zu werden. Dahin muss sich eine Schulgemeinde auch entwickeln. Und es gibt nach wie vor viele Schulgemeinden, die sagen, wir wollen vor allen Dingen Flexibilität. Die sind nicht gegen eine Entwicklung zur Ganztagsschule, aber sie sind gegen die verbindliche Vorgabe „jeden Tag von 8 bis 16 oder 17 Uhr für alle“.

Oberhessische Presse: Das Thema „Zwang“ ist früher eines der Kernthemen in den schulpolitischen Debatten gewesen. Es spielt heute keine große Rolle mehr. Aber es gibt ein wichtiges Argument, das gelegentlich angeführt wird für den entschlosseneren Ausbau zur gebundenen Ganztagsschule: Das ist die Gleichheit der Bildungsbedingungen und der Bildungschancen, die angestrebt werden muss.

Kultusminister Lorz: So pauschal können Sie das nicht sagen. Natürlich gehört zu den Bildungsbedingungen die Frage, was die Kinder von zu Hause mitbringen, welche Unterstützungsmöglichkeiten sie zu Hause haben. Die gebundene Ganztagsschule erzielt aber keineswegs per se bessere Ergebnisse. Gerade die offenen Formen von Ganztagsschulen sind ebenfalls durchaus erfolgreich. Das zeigen auch unsere Ergebnisse im Vergleich mit anderen Bundesländern.

Oberhessische Presse: Wo wollen Sie in fünf Jahren sein beim Ausbau von Ganztagsschulen?

Kultusminister Lorz: Unser Ziel ist, dass wir in fünf Jahren die Grundschulen so ausgestattet haben, dass der grundsätzliche Bedarf befriedigt ist. Die weiterführenden Schulen sind jetzt schon sehr weit, was mir die Hoffnung gibt, dass wir uns dann im Wesentlichen auf den qualitativen Ausbau konzentrieren können.