Im Gespräch mit der FNP

„Schule wird als Reparaturbetrieb gesehen"

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Kultusminister Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz
Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
© HKM / Manjit Jari

Herr Minister, was macht für Sie eine gute Schule aus?

ALEXANDER LORZ: Wenn alle an einem Strang ziehen und ein gutes Klima der Zusammenarbeit herrscht, dann können Lehrer die Schüler zur Mitarbeit begeistern. Und dann wird Schule gut.

Oftmals bemühen sich die Beteiligten redlich, dennoch ist Sand im Getriebe, weil die Rahmenbedingungen offenbar nicht stimmen. Vielerorts fühlt sich das Lehrpersonal überlastet. Schüler- und Elternvertreter fordern eine Schule, die Antworten parat hat auf die Fragen des 21. Jahrhunderts. Dann ist die Politik gefragt. Konkret: Dann sind Sie als Kultusminister gefragt. Wie stehen Sie zu der zentralen Forderung nach einer besseren Finanzierung der Schulen, mehr Personal, bessere Ausstattung?

LORZ: Einfach von allem mehr zu fordern, ist nicht besonders innovativ. Die Ressourcen sind nunmal begrenzt, aber nie ist so viel zusätzlich in die Schulen investiert worden wie in der dieser Legislaturperiode.

Wie passt das mit den zahlreichen Überlastungsanzeigen zusammen, die Sie von den Schulen erhalten haben. Werden die Beschwerden im Kultusministerium nicht gehört?

LORZ: Wir hören das sehr wohl. Und wir reagieren auf die Herausforderungen, von denen wir wissen, dass sie die Lehrer belasten. Deshalb haben wir ja nicht nur die Zahl der Lehrerstellen deutlich gesteigert, sondern etwa für die Grundschulen ein ganzes Paket an Unterstützungsmaßnahmen geschnürt und bringen jetzt 700 sozialpädagogische Fachkräfte zusätzlich an die Schulen. Viele Überlastungsanzeigen hatten aber auch schlicht den Zweck, Gehaltsforderungen der Lehrergewerkschaft zu untermauern. Das soll keine Kritik sein, aber erklärt Vieles. Grundsätzlich muss man feststellen: Die Erwartungen an Schule sind allgemein gestiegen. Außerdem kommt es darauf an, dass Schulen und Lehrkräfte unsere Angebote auch annehmen.

Nach den vielen Interviews zu urteilen, die wir im Rahmen unserer Schulserie geführt haben, ist jedenfalls eine Menge Frust und schlechte Stimmung im System. Wie viel kommt davon bei Ihnen im Kultusministerium an?

LORZ: Ich bin wirklich sehr viel im Land unterwegs und mache ständig Schulbesuche. Ich lege dann auch immer sehr viel Wert darauf, nicht nur das obligate Pressefoto zu machen, sondern mit den Beteiligten hinter verschlossenen Türen ins Gespräch zu kommen. Ich versuche das in einer informellen Atmosphäre und glaube schon, dass ich damit Stimmungsbilder auffange. Soweit man sie eben als Minister auffangen kann.

Was kommt bei Ihnen an? Was nehmen Sie aus diesen Gesprächen mit?

LORZ: Natürlich geht es um die Sorgen vor Ort. Gleichzeitig zeigen mir die Termine auch, wie lebendig in der Pädagogik diskutiert wird. Pädagogen streiten leidenschaftlich über die Frage nach dem richtigen Weg. Was ist empirisch belegt, was nicht? Welche Erfahrungen hat man persönlich gemacht? Ich denke, die Pisa-Studie hat uns allen ein bisschen die Augen geöffnet. Wir sind ja vorher durch die Welt gelaufen und haben gedacht, das System muss einfach gut sein, weil das in Deutschland so ist. Dann lag empirisch bewiesen auf dem Tisch, dass das nicht so ganz stimmte.

Worin sehen Sie derzeit selbst die größte Herausforderung?

LORZ: Wir suchen nach pädagogischen Konzepten dafür, wie man mit der wachsenden Heterogenität der Schüler besser umgehen kann. Oder wie man Sprachförderung und Inklusion verbessern kann. Da bin ich ehrlich gesagt etwas enttäuscht von den Bildungsforschern, die an dieser Stelle ziemlich wenig Konkretes bieten. Also versuchen wir, eigene Wege zu finden.

In welche Richtung?

LORZ: Wir investieren vor allem in die Lehrerbildung. Wir haben eine Hessische Lehrkräfteakademie gegründet, um Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte aus einem Guss zu präsentieren. Und deswegen habe ich auch ein Schulleiterqualifizierungsprogramm ins Leben gerufen.

Jetzt in Zeiten des Landtagswahlkampfs bläst Ihnen von vielen Seiten kräftig Wind entgegen. Die Landesschülervertretung prangert den Unterrichtsausfall an Hessens Schulen an. Wie begegnen Sie den Vorwürfen?

LORZ: Zunächst einmal muss man feststellen, dass der Unterricht komplett abgedeckt ist.

Theoretisch . . .

LORZ: Nein, die Lehrer sind da, im Unterschied zu früher. Wir reden nur darüber, was passiert, wenn ein Lehrer ausfällt. Diesen Vertretungsfall hat es aber schon immer gegeben, und die Regelungen und Ressourcen dafür waren noch nie so gut, wie sie im Moment sind. Bislang hatte auch niemand Bedarf gesehen, daran etwas zu ändern.

Sie können die Kritik der Landesschülervertretung nicht nachvollziehen?

LORZ: Es ist eine neue Lage, dass die Schüler mit der Situation nicht einverstanden sind. Damit müssen wir uns beschäftigen. Wir werten derzeit die von der LSV vorgelegten Zahlen aus.

Sollte das Ministerium nicht selbst erheben, wie viel Unterricht ausfällt?

LORZ: Dann müsste ich mir von jeder Schule täglich melden lassen, wie sie die unvermeidlich vorkommenden Vertretungsfälle konkret organisiert. Das hat bis vor wenigen Wochen niemand für nötig befunden, da jede Schule dafür ein Konzept hat und haben muss.

Müsste die Politik nicht ein Interesse an einer validen Statistik haben?

LORZ: Zumindest die zentrale Erfassung der Krankheitstage wird derzeit von uns geprüft. Auf Knopfdruck geht das aber nicht. Darüber hinaus muss man zunächst klare Indikatoren festlegen. Was ist denn eigentlich Unterrichtsausfall?

Ganz einfach: Es ist kein Lehrer da.

LORZ: So einfach ist das nicht. Ist Unterrichtsausfall schon dann, wenn der gewohnte Lehrer nicht da ist? Das wird man nie vermeiden können, jeder Lehrer wird mal krank. Auch eine Vertretung durch einen Lehrer des gleichen Fachs wird flächendeckend schwierig, dann müsste man jede Stelle doppelt besetzen. Das kann man jetzt immer weiter herunterbrechen. Ich bin überzeugt davon, dass wir, wenn wir nur die Stunden erfassen, die wirklich ersatzlos ausfallen, auf eine ziemlich geringe Zahl kommen und der Großteil Oberstufenkurse sein werden, für die jedenfalls bei kurzfristigen Ausfällen noch nie eine Vertretung vorgesehen war.

Ein anderes Thema, das Schüler und Eltern bewegt, ist die Ganztagsschule. Die Landesschülervertretung, Lehrer- und Elternverbände sind der Meinung: Es braucht eine verzahnte, echte Ganztagsschule. Passt dieses Konzept nicht besser auf die heutigen Lebensverhältnisse als das bisherige Modell morgens zu lernen und nachmittags eine wie auch immer geartete Betreuung anzubieten?

LORZ: Dass durch Ganztagsschulen per se bessere Schülerleistungen herauskommen, ist empirisch nicht belegt. Grundsätzlich halte ich die Ganztagsschule durchaus für eine gute Idee. Bis jetzt habe ich auch jeden Antrag auf ein verbindliches Ganztagskonzept genehmigt. Es gibt nur nicht so viele. Viele Eltern, das merken wir beim Pakt für den Nachmittag, wünschen sich, ihre Kinder nachmittags auch mal aus der Schule rausnehmen zu können. In einer gebundenen Ganztagsschule herrscht aber Anwesenheitspflicht.

Ist das für die CDU eine ideologische Frage?

LORZ: Die Entscheidung zwischen Freiheit und Zwang ist eine Grundsatzfrage. Wir sehen gebundene Ganztagsschulen nicht als Allheilmittel, sondern setzen auf Freiwilligkeit bei den Schulgemeinden.

Viele Themen aus dem Schulbereich werden sehr schnell sehr emotional debattiert, siehe die Beispiele Ganztag, Sexualkunde, Inklusion, Integration. Wie erleben Sie dieses Spannungsfeld als Hauptverantwortlicher?

LORZ: Die Gesellschaft neigt im Moment dazu, alles, was schwierig erscheint, bei der Schule abzuladen. Das treibt mich um. Schule wird als der alleinige Reparaturbetrieb gesehen. Man fordert einfach neue Fächer, mehr Lehrer und entsprechende Schulungen, und erklärt das Problem für gelöst. Viele machen sich damit einen schlanken Fuß. Zum Beispiel Inklusion: Die Debatte darüber beschränkt sich nur auf den Themenkomplex Schule.

Wer macht sich da einen schlanken Fuß?

LORZ: Das ist je nach Thema unterschiedlich. Manche Kinder kommen in die Schule und haben nie gelernt, still zu sitzen oder einen Stift zu halten. Als Frühstück haben sie einen Schokoriegel dabei, wenn überhaupt. Die Erwartungshaltung mancher Eltern ist: Erziehen Sie doch bitte mein Kind, Sie verbringen ja auch mehr Zeit mit ihm. Zurecht fühlen sich die Lehrer dann überfordert. Und so ein Problem löst man auch nicht einfach mit mehr Mitteln.

Glauben Sie, dass das Bildungssystem Kinder heute dazu befähigt, die Probleme von morgen zu lösen?

LORZ: Das Weltwirtschaftsforum publiziert einmal im Jahr einen sogenannten Human Capital Report. Darin stellt es genau diese Frage: Welches Bildungssystem bereitet seine Kinder am besten auf die Welt von morgen vor? Und da stand Deutschland auf Platz 6 von 130 Nationen.

Wie passt das mit den Warnungen von Eltern- und Schülerverbänden zusammen, die unser Bildungssystem als „aussondernd und zersplittert“ bezeichnen? Wer kümmert sich um die Abgeschlagenen?

LORZ: Wir dürfen natürlich diejenigen nicht aus dem Blick verlieren, die sich schwer tun mit den Anforderungen. Dafür bringen wir viele Instrumente zum Einsatz, allerdings ist das ist immer noch eine Herausforderung, wir müssen diese Zahl so weit wie möglich gegen null drücken. Aber: Die eine Statistik, die mich wirklich mit Stolz erfüllt, zeigt, dass wir in Hessen mittlerweile die geringste Schulabbrecherquote in Deutschland haben. Vor 15 Jahren hatten wir noch das Vierfache an Schulabbrechern. Wir sind also auf einem guten Weg.

Die anerkannten Arbeiten des neuseeländischen Pädagogen John Hattie lassen sich auf den Nenner bringen: Der Erfolg des Kindes in der Schule hängt ganz maßgeblich von der Person des Lehrers ab. Wer hat Sie eigentlich in Ihrer Schulzeit besonders geprägt?

LORZ: Für mich waren immer die Lehrer gut, die beseelt waren von dem, was sie da unterrichteten. Meinen Lateinlehrer habe ich noch vor Augen. Der ging im Unterricht auf! Und wenn er vor uns stand, lebten wir plötzlich in der Welt des alten Rom.

Nun ist „Begeisterung“ kein Ausbildungsbestandteil im Lehramtsstudium. Bräuchte es einen Eignungstest für den Lehrerberuf, um wirklich nur die in die Klasse zu lassen, die bei der hohen Belastung ihre Begeisterung nicht verlieren?

LORZ: Ja, wenn wir einen hätten, der wirklich verlässlich wäre, wäre das sicher hilfreich.

Nun, es gibt ja gute Ansätze, etwa den Lehramtsstudenten über ein Assessment-Center am Beginn des Studiums eine gute Selbsteinschätzung zu ermöglichen. Bislang geschieht dies freiwillig. Müsste es Pflicht werden?

LORZ: Die Lehrereignung früher zu testen,  ist ja der tiefere Sinn des Modellversuchs mit einem Praxissemester, den wir zurzeit durchführen. Es ist bewusst im dritten Semester vorgesehen, also relativ früh im Studium. Das ist kritisiert worden,  erweist sich in der Praxis aber bislang als erstaunlich tragfähig. Nachdem die Studierenden einen ersten Eindruck davon gewonnen haben, was im Studium so verlangt wird, können sie diese praktische Erfahrung sammeln und sich selbst fragen: Ist es wirklich das, was ich mein Leben lang machen will und kann?

Die Frage der Eignung ist die eine Sache, eine andere ist, was sich am Anfang des 21. Jahrhunderts grundsätzlich in der Lehrerausbildung ändern muss? Inklusion ist derzeit kein Pflichtthema. Digitalisierung auch nicht. Ist es nicht an der Zeit, die Ausbildung anders auszurichten?

LORZ:  Lehrerbildung wird mit Sicherheit ein großes Thema der nächsten Legislaturperiode sein. Es ist aber nicht so, dass die angesprochenen Themen heute nicht behandelt würden. Die Universitäten machen selbstverständlich entsprechende Angebote. Im Referendariat gibt es sie auch. Und, ganz ehrlich: Jemand, der heutzutage Lehrer wird und dann an die Schule geht und sagt „ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mit Themen wie Digitalisierung und Inklusion beschäftigen muss“, der muss ja taub und blind durch die Welt laufen.

Herr Lorz, Sie sind ja auch Hochschullehrer gewesen. Wie stark greifen einen Lehrenden mit pädagogischem und inhaltlichem Furor eigentlich die politischen und bürokratischen Zwänge an?

LORZ: Es greift einen natürlich subjektiv mehr an, als es eigentlich objektiv gerechtfertigt ist. Das ist ein Phänomen, das es immer gibt. Völlig verständlich. Gerade, wenn man beseelt ist von dem, was man macht, empfindet man jede Ablenkung als kontraproduktiv. Das wird man auch niemals eliminieren können. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe, diese Themen von dem begeisterten Pädagogen so fern zu halten wie möglich. Das ist in den Schulen  aber ein Problem, das sich dauerhaft stellt und für das wir noch nicht die perfekte Lösung gefunden haben. Es ist eine der Herausforderungen, denen wir uns in der neuen Legislaturperiode stellen müssen.

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