Gastbeitrag zu 75 Jahre Kriegsende

Schulen müssen Bewusstsein für deutsche Schuld vermitteln

von Prof. Dr. R. Alexander Lorz

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Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
Prof. Dr. R. Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
© HKM/ Patrick Liste

Die große Mehrheit der heute lebenden Menschen ist nach 1945 geboren und kann nur noch aus Erzählungen älterer Generationen erahnen, wie es gewesen sein muss, die Schrecken des Zweiten Weltkrieges miterlebt zu haben.

Junge Menschen fragen manchmal, was all das noch mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben soll. Schließlich liegen die Schrecken und die Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 75 Jahre und mehr zurück. Die Welt ist in der Zwischenzeit eine andere geworden: Die europäische Einigung kannte nach Kriegsende nur eine positive Richtung, und wirtschaftlich geht es jeder Generation besser als der vorherigen. Krieg kennen die meisten nur noch aus den Nachrichten, und das ist auch gut so.

Und dennoch muss ein wesentliches Element des Bildungsauftrags an unseren Schulen unverändert sein, der nachfolgenden Generation ein Bewusstsein für die deutsche Schuld an Krieg und Holocaust und die daraus erwachsene Verantwortung zu vermitteln. Wie kann das funktionieren?

75 Jahre liegt der Krieg zurück, 35 Jahre die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum Jahrestag des Kriegsendes. In seiner Rede vor dem Bundestag hat er der deutschen Gesellschaft den Spiegel vorgehalten und Denkanstöße dafür gegeben, was geschehen muss, damit Deutschland und seine Nachbarn nie wieder in eine Spirale menschenverachtender Gewalt abgleiten. Seine Worte haben auch nach 35 Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren.

Die vollständige Kapitulation bedeutete für ihn das „Ende eines Irrweges deutscher Geschichte“ und für den überwiegenden Teil der Bevölkerung das Ende unsäglichen Leids. Für viele war der Tag aber auch mit Gefangenschaft, Flucht oder Vertreibung verbunden. Der 8. Mai erinnert uns daran, dass es auch in der Mitte Europas eine Zeit gab, in der die wirtschaftliche Not oder die Furcht vor Verfolgung so groß war, dass Menschen ihrer Heimat den Rücken kehrten und sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machten. „Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“, konstatierte Weizsäcker damals. Auch wenn es darum geht, die Angst vor dem Fremden zu nehmen, hilft daher nichts mehr, als sich der Parallelen in der eigenen Vergangenheit bewusstzuwerden.

Weizsäckers Rede selbst ist längst ein fester Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur geworden, und gerade Schülerinnen und Schüler erleben heute die Vorzüge eines geeinten Europa. Sie sind aufgefordert, es weiter auszubauen und sich den Populisten entgegenzustellen. Mit dem Bekenntnis unserer Schulen zu Grundrechtsklarheit, Wertevermittlung und Demokratieerziehung tragen wir dem ebenso Rechnung wie mit den seit Jahrzehnten etablierten Schüleraustauschen mit Schulen in der ganzen Welt.

Eine weitere Form des Erinnerns ist der Austausch mit Zeitzeugen. Wie könnte das schiere Ausmaß der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie besser greifbar gemacht werden als über die Konfrontation mit persönlichen Schicksalen? In vielen Fällen ist Unterricht notwendigerweise abstrakt. Hier darf er es nicht sein. Es ist unser Auftrag, dies auch dann zu gewährleisten, wenn es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird.

Jede neue Generation hat die Verpflichtung, Antisemitismus und Ausgrenzung entgegenzutreten. Das ist heute wieder aktueller denn je. Unrecht nicht widerstandslos geschehen zu lassen ist dabei eine Form von Zivilcourage, die schon junge Menschen zeigen können. Wenn Schule hierzu einen Beitrag leisten kann, mache ich mir um den Frieden auf unserem Kontinent keine Sorgen.

 

Der Gastbeitrag von Prof. Dr.  Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister, ist am 08.05.2020 in der Frankfurter Neuen Presse (FNP) erschienen.

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