Interview mit der HNA

So viele Lehrerstellen wie noch nie

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Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz
© HKM

Das neue Schuljahr hat begonnen. Haben Hessen Schulen genug Lehrer, um den Unterricht abzudecken?

Alexander Lorz: Wir haben genügend Lehrer, um den Unterricht vollständig abzudecken. Die Eltern müssen sich keine Sorgen machen. Alle Rückmeldungen zeigen, dass der Betrieb reibungslos angelaufen ist.

Wie das? Laut Lehrerbund fehlen bundesweit über 30 000 Lehrer?

Lorz: Natürlich ist die Lage auf dem Lehrermarkt angespannt. Aber wir haben zeitig damit begonnen, gegenzusteuern. Für dieses Schuljahr haben wir noch einmal über 1000 neue Stellen geschaffen, davon 700 für sozialpädagogische Fachkräfte zur Unterstützung der Lehrer. Wir haben jetzt mehr als 54.000 Lehrerstellen im Einsatz. So viele gab es in Hessen noch nie.

Wie viele dieser Neueingestellten haben eine pädagogische Ausbildung?

Lorz: Menschen, die wir fest auf Lehrerstellen einstellen, haben alle eine Form von pädagogischer Ausbildung. Sie können aber zum Beispiel auch sozialpädagogische Fachkräfte sein.

Deutschland fehlen die Lehrer. Der KMK-Vorsitzende Helmut Holter (Linke) schlägt vor, die Lehrer aller Schulformen gleich zu bezahlen, damit auch in den Grundschulen genug Lehrer nachkommen. Was halten Sie davon?

Lorz: Ich glaube nicht, dass die Besoldung der entscheidende Punkt zur Nachwuchsgewinnung ist. In Hessen haben wir uns vielmehr darauf konzentriert, die Studienplatz- und Referendarskapazitäten zu erhöhen. Im Grundschulbereich haben wir die Studienplätze um 50 Prozent ausgeweitet. Und wir sehen: Die jungen Leute kommen wieder, weil sie wissen, dass ihre Berufschancen hervorragend sind. Das war vor sieben Jahren ganz anders.

Die Klagen über die Belastungen der Grundschullehrer bleiben groß. Nun hat sich Ihr Parteikollege aus Sachsen-Anhalt, Bildungsminister Marco Tullner, dafür ausgesprochen, dass man eher eine gebremste Inklusion praktizieren will, weil bislang letztlich alle Beteiligten überfordert seien. Wie sehen Sie das?

Lorz: Wir haben in Hessen schon immer die Politik einer Inklusion mit Augenmaß verfolgt und nie versucht, das mit der Brechstange durchzusetzen. Ziel der Bemühungen muss es sein, das Wohl des einzelnen Kindes in den Mittelpunkt zu stellen. Daher wollen wir unterschiedliche Angebote vorhalten: Inklusion überall dort, wo es sinnvoll ist und dem Kind etwas bringt. Aber wir werden auch auf absehbare Zeit ein Förderschulsystem brauchen. Deswegen bekenne ich mich auch dazu, dass wir die beiden Systeme weiterhin nebeneinander fahren, obwohl das die teurere Variante ist. Aber es geht um das Wohl der Kinder.

Dennoch schicken viele, vielleicht auch begütertere Eltern ihre Kinder auf eine Privatschule, um sie besser zu fördern. Das heißt Begabte verlassen die allgemeinbildenden Schulen. Ein Problem?

Lorz: Die Anmeldezahlen an den Privatschulen steigen derzeit kontinuierlich, aber durchaus moderat. Man muss jedoch auch sehen, um welche Schulen es geht. Wir reden hier vor allem von den privaten Ersatzschulen, die wir auch mitfinanzieren. Der Großteil davon sind kirchliche Schulen bzw. Montessori- und Waldorf-Schulen. Da geht es nicht darum, ob die Eltern wohlhabend sind oder nicht, sondern dass sie für die Beschulung ihres Kindes ein bestimmtes weltanschauliches oder bildungsphilosophisches Umfeld wählen, das wir in den staatlichen Schulen nicht bieten können. Daraus ziehen diese Privatschulen ihre primäre Daseinsberechtigung.
 

Und bei der Begabtenförderung?

Lorz: An unseren Schulen gibt es viele Fördermöglichkeiten. Die neue Initiative „Leistung macht Schule“, die leistungsstarke Schülerinnen und Schüler fördert, organisieren wir sogar länderübergreifend. An der Begabtenförderung nehmen in Hessen viele staatliche Schulen teil.

Viele Eltern wollen ihre Kinder auf eine Ganztagsschule schicken. Sie sagen, dass 70 Prozent aller Schulen in Hessen Ganztagsangebote bieten. Die GEW meint, das sei eine Mogelpackung, weil Hessen bei echten, also gebundenen Ganztagsschulen, Schlusslicht unter allen Bundesländern ist.

Lorz: Diese Statistiken stören mich relativ wenig. Mir geht es auch hier, wie bei der Inklusion, um das Wohl der Kinder und die Entscheidung der Eltern. In den vergangenen Jahren habe ich jeden Antrag auf Einrichtung einer gebundenen Ganztagsschule, der fachlich begründet war, genehmigt. Gebundene Ganztagsschulen können hervorragende Arbeit leisten. Ich sage aber ebenso ausdrücklich: nicht gebundene auch. Wir bekommen viele Rückmeldungen, dass Eltern, insbesondere in ländlichen Regionen, offene Angebote bevorzugen, bei denen sie auswählen können und das Kind eben nicht den ganzen Tag fest in der Schule gebunden ist. Diesen unterschiedlichen Wünschen kommen wir mit unseren Bemühungen zum Ausbau entgegen. Denn: Den alleinseligmachenden Königsweg gibt es nicht.

Seit Jahren will der Bund per Digitalpakt den Ländern bei der Computerausstattung finanziell helfen. Doch es geht kaum voran. Forcieren Sie mit Ihren Länderkollegen den Druck auf Berlin?

Lorz: Wir sind in intensiven Verhandlungen mit dem Bund. Nächste Woche findet ein weiteres Treffen auf Staatssekretärsebene statt. Wir kommen gut voran und sind zuversichtlich, dass ab 2019 beim Digitalpakt auch Geld für die Länder fließt. Damit würde Hessen bis zum Jahr 2021 insgesamt rund 250 Millionen Euro erhalten.

Und was tut das Land selbst?

Lorz: Wir konzentrieren uns auf die Qualifizierung der Lehrkräfte, denn dort liegt der Schlüssel zum Erfolg der Digitalisierung Daher haben wir unsere Anstrengungen dort verstärkt. So arbeiten wir gerade auch an der Entwicklung einer Plattform, die wir den Lehrern für Lehr- und Lernmaterialien zur Verfügung stellen können.

Was wäre Ihnen persönlich sehr wichtig als künftige Bildungsaufgabe in einer neuen Legislaturperiode?

Lorz: Neben der guten Lehrerversorgung als vordringlicher Daueraufgabe, der Digitalisierung und dem Ganztagsausbau, ist das die Stärkung der Bildungssprache Deutsch als grundlegende Kompetenz. Gerade angesichts der Integration von so vielen Zugewanderten, aber auch für diejenigen, die hier eigentlich mit Deutsch aufgewachsen sind, wollen wir das stärker in den Vordergrund rücken. Das Beherrschen der Bildungssprache ist das A und O auch für die Vermittlung unserer Werte und für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

Die Fragen stellte Ulrich Riedler von der HNA.

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