Corona-Pandemie

„Vorbereitung ist nicht verloren"

Schule in Corona-Zeiten - da gibt es jede Menge offene Fragen: Wann geht es wie weiter mit der Rückkehr in die Klassenzimmer? Wie wird das Homeschooling bewertet? Und warum gibt es in diesem Schuljahr keine Sitzenbleiber? Kultusminister Lorz im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen.

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Prof. Dr. R. Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
Prof. Dr. R. Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
© HKM/ Patrick Liste

Chmeliczek: Herr Lorz, erwische ich Sie gerade im Homeoffice?

Lorz: Nein, im Büro. Aber da ich in Wiesbaden wohne, ist es kein weiter Weg ins Homeoffice. Ich versuche schon jeden Tag ein paar Stunden im Büro zu sein, natürlich unter Beachtung der Abstandsregeln.

Die Kultusminister der Länder haben sich am Mittwoch darauf verständigt, dass jedes Kind vor den Sommerferien die Schule besucht haben soll. War das der kleinste gemeinsame Nenner?

Nein. Wir wollten eine bildungspolitische Zielsetzung formulieren. Wenn wir es nicht schaffen, alle Schülerinnen und Schüler vor den Sommerferien in die Schule zu bringen, dann haben einige von ihnen am Ende der Ferien, also am 17. August, fünf Monate kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen. Das wäre fatal und das wollen wir auf jeden Fall vermeiden.

Lehrer bereiten sich auf den Tag X vor, Eltern sind vielerorts mit den Nerven am Ende, die Kinder vermissen ihre Schulfreunde. Auch für die Kitas gibt es keinen Zeitplan. Warum kann die Politik derzeit nicht mehr liefern?

Die Schwierigkeit liegt in der Prognose des Infektionsgeschehens. Meine Wunschvorstellung und die meiner Kollegen ist ziemlich klar: Am liebsten ab morgen voller Schulbetrieb für alle. Wir sind aber darauf angewiesen, wie das Robert-Koch-Institut und die anderen Gesundheitsexperten die Situation einschätzen. Denn was wir auf jeden Fall vermeiden wollen, ist, dass wir Schulen öffnen und sie in drei Wochen wieder schließen müssen. Ein solches Hin und Her wäre noch schlimmer als eine fortdauernde Schließung.

Wann kommt das Thema Schule in Berlin wieder auf die Tagesordnung?

Das Thema wird andauernd beraten. Ich gehe aber davon aus, dass in der kommenden Woche weitere Verabredungen zum Schulbetrieb getroffen werden.

Am vergangenen Montag sollte es auch für die Grundschüler wieder losgehen. Wie sehr hat es Sie geärgert, dass das Verwaltungsgericht den Schulstart kurz vorher wieder kassiert hat?

Ich bin selbst Jurist, und in unserer Zunft gibt es den schönen Spruch: »Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.« Daher nehme ich das Urteil mit einer gewissen professionellen Gelassenheit. Ich finde es aber schade für die Schülerinnen und Schüler, die sich größtenteils auf die Schule gefreut haben, für die Eltern, die sich Entlastung erhofft haben, und nicht zuletzt für die Lehrkräfte, die viel an Vorbereitung geleistet haben. Wobei diese ja nicht verloren ist. Denn bald wird es vermutlich auch für die Viertklässler weitergehen.

Ist jetzt nicht mit jeder weiteren Öffnung erneut mit Klagen zu rechnen?

Das kann durchaus passieren. Es ist das Wesen unseres Rechtsstaates, dass alles gerichtlich überprüfbar ist. Das ist auch gut und richtig so. Das Positive an dem Urteil ist, dass der Verwaltungsgerichtshof unser Konzept der schrittweisen Schulöffnung und den Beginn mit den Abschlussprüfungen ausdrücklich bestätigt hat. Das Gericht ist lediglich unserer Argumentation nicht gefolgt, neben den Abschlussklassen die vierten Klassen sozusagen isoliert vorzuziehen.

Aber wie soll es denn nun weitergehen?

Wenn wir die Jahrgänge über den vierten Klassen, also die weiterführenden Schulen, wieder an den Start bringen, dann können dicht darauf auch die Grundschüler folgen. Wir setzen in allen Jahrgängen auf einen Mix aus Präsenzunterricht und Homeschooling.

Und wann wird das sein?

Ich rechne damit, dass wir in der kommenden Woche eine Entscheidung über den nächsten Öffnungsschritt treffen. Wir haben natürlich unsere internen Zeitpläne. Aber die können alle ganz schnell wieder Makulatur sein. Es bringt nichts, Versprechungen zu machen, die wir dann nicht halten können.

Aber die Sommerferien werden nicht verkürzt, oder?

Davon gehe ich aus! Es würde aus pädagogischer Sicht auch nicht viel bringen. Zudem gibt es glücklicherweise noch die Prognose, dass man in den Sommerferien wenigstens innerhalb Deutschlands Urlaub wird machen können. Und soweit dies der Fall ist, können wir nicht einfach die Reisepläne der Familien zunichtemachen.

Der Hygieneplan der Landesregierung ist ein Leitfaden für die Schulen. Diskutiert wurde auch über eine Maskenpflicht. Warum gibt es lediglich eine Empfehlung?

Den Hygieneplan für Schulen haben wir mit Gesundheitsfachleuten erarbeitet. Und diese Experten haben von einer Maskenpflicht im Unterricht abgeraten, weil die Einschränkungen beziehungsweise Belastungen dadurch zu groß sind., Wir setzen im Unterricht auf die Abstandsregelungen. Für die Zeit außerhalb des Klassenzimmers haben wir den Schulen aber 750 000 Masken zur Verfügung gestellt, und die Schulträger haben auch ein entsprechendes Kontingent vorrätig.

Viele sprechen von einem späteren Makel des »Corona-light-Abschlusses«. Wird es den geben? Und warum ist Sitzenbleiben in diesem Schuljahr verboten?

Die Abschlussprüfungen sollen alle stattfinden, darauf haben wir uns in der Kultusministerkonferenz verständigt. Dafür haben wir viel Kritik einstecken müssen, zum Beispiel im Fall der schriftlichen Abiturprüfungen. Trotzdem ist es uns gelungen, ganz reguläre Prüfungen durchzuführen, und das unter den erschwerten Bedingungen der Corona-Krise. Das ist kein Makel, sondern sollte eher als Bonus und besondere Leistung der Schülerinnen und Schüler gesehen werden.

Und warum ist bei den übrigen Schülern die Versetzung nicht gefährdet?

Uns fehlt einfach eine tragfähige Entscheidungsgrundlage. Es gab beziehungsweise gibt keinen Präsenzunterricht von Mitte März bis mindestens Mitte Mai – daher können die Lehrkräfte keine solch einschneidende Entscheidung treffen. Eine Nichtversetzung würde in diesem Jahr voraussichtlich auch vor keinem Gericht halten. Es bleibt allerdings noch die Möglichkeit der freiwilligen Wiederholung. Und das ist mein Appell an die Eltern: Hören sie den Lehrern Ihrer Kinder genau zu, wenn es um die Einschätzung der Lernleistung geht.

Apropos: Inwieweit fließen die Leistungen, die im Homeschooling erbracht werden, in die Notengebung ein? Tun sie das überhaupt? Gibt es da Vorgaben des Kultusministeriums?

Ja, diese Vorgaben gibt es und sie sind auch an die Schulen gegangen. Dabei muss man unterscheiden: Ein Feedback an die Schüler soll und muss erfolgen. Das kann auch in Form von Noten für die abgegebenen Aufgaben sein. Diese Bewertungen dürfen aber nicht negativ in die Abschlussnote einfließen.

Entwertet das nicht das Homeschooling?

Nein. Denn das Wichtigste ist, dass die Schülerinnen und Schüler im Lernprozess bleiben. Das Gefühl des Lernens darf nicht verloren gehen, ebenso die Struktur, die Schule einem Tagesablauf gibt. Zudem sollen die Lehrkräfte später, wenn es im Präsenzunterricht weitergeht, einen Anknüpfungspunkt haben. Wir wollen damit aber nicht um jeden Preis Stoff vermitteln, damit ja der Lehrplan eingehalten wird.

Das bedeutet, wenn es wieder Präsenzunterricht gibt, können auch sofort wieder auf der Basis des Homeschoolings Klausuren geschrieben werden?

Auch hier muss man differenzieren: Es muss natürlich möglich sein, den Lernstand zu ermitteln. Auch schriftlich. Die Lehrer müssen schließlich versuchen, die Klasse auf ein einigermaßen einheitliches Niveau zu bringen. Zwei Tage nach dem Neustart eine Klassenarbeit für die Abschlussnote schreiben – das kann hingegen nicht sein. Das wissen die Schulen aber auch. Ein Test ist nicht immer gleich eine Arbeit, auch wenn das in der Wahrnehmung der Schüler oft keinen Unterschied macht.

Die Voraussetzungen für das Homeschooling sind in den Haushalten sehr unterschiedlich. Manchen fehlt der Internet-Zugang, anderen das entsprechende Endgerät, wieder anderen die Unterstützung durch die Eltern. Geht da die Schere nicht noch weiter auseinander?

Das ist im Moment leider nicht auszuschließen. Der Königsweg ist natürlich Präsenzunterricht. Denn im Klassenzimmer versuchen die Lehrkräfte, diese Unterschiede auszugleichen. Das wird vielen erst jetzt bewusst. Wir wollen aber auch das Homeschooling verbessern. Der Bund hat deutschlandweit 500 Millionen Euro für digitale Endgeräte wie Laptops und Tablets zur Verfügung gestellt. Hessen erhält davon rund 37 Millionen Euro. Und wir beraten gerade, wie wir das Geld am besten nutzen, damit bedürftige Schülerinnen und Schüler besser ausgestattet werden.

Es ist ja offensichtlich, dass beim Thema Digitalisierung noch viel zu tun ist. Wird die Corona-Krise hier etwas zum Positiven bewirken?

Unsere Digitalstrategie für die Schulen war und ist nicht darauf ausgerichtet, den Präsenzunterricht komplett zu ersetzen. Wir befinden uns im Moment in einer außergewöhnlichen Situation, für die es keine Blaupause gibt. Normalerweise soll das digitale Lernen den Präsenzunterricht ergänzen und bereichern. Aber wir werden aus der Corona-Krise sicherlich lernen, Programme beschleunigen und mit den nun gemachten Erfahrungen einen großen Schritt nach vorne machen. Davon bin ich überzeugt.

Sie haben selbst Kinder. Wie erleben Sie das Homeschooling?

Na ja, mein Sohn hat jetzt gerade ein Studium begonnen und studiert online. Das ist etwas frustrierend, denn ihm fehlen natürlich im Moment die einzigartigen Erfahrungen, die man normalerweise als Erstsemester sammelt – Kommilitonen kennenlernen, Uni-Atmosphäre schnuppern. Das tut mir leid für ihn. Unsere Tochter ist in der Kita, ich weiß daher genau, welchen Belastungen Kinder und Eltern ausgesetzt sind, wenn die Einrichtung über einen so langen Zeitraum geschlossen ist. Wir sehnen uns alle danach, dass die Kitas bald wieder öffnen können. Meine Tochter fragt oft: »Wann ist das Corona-Monster wieder weg?« Tja, das wüsste ich auch gerne.

Das Interview führte Gerd Chmelicek für die Gießener Allgemeine. (erschienen am 02.05.2020)

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