Corona-Pandemie und Bildungswesen

„Wenigstens ein oder zwei Tage in der Schule"

Die Corona-Pandemie hat das Bildungswesen weitgehend zum Stillstand gebracht, auch in Hessen. Jetzt soll es wieder in Bewegung kommen. Aber wie? Kultusminister Alexander Lorz spricht im Interview mit der FAZ über Masken im Unterricht, weiter geschlossene Grundschulen, den Ausfall des Sitzenbleibens und kürzere Ferien.

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Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
Prof. Dr. R. Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
© HKM/ Patrick Liste

Herr Minister, Sie haben selbst Kinder. Wie erleben Sie den Lockdown des Bildungswesens?

Lorz: Mein großer Sohn ist schon aus der Schule heraus und absolviert gerade eine Art Schnellkurs im digitalen Lernen an der Hochschule. Durch unsere drei Jahre alte Tochter bin ich voll im Bilde, was die Schließung der Kitas für Eltern bedeutet, die beide berufstätig sind. In den ersten Wochen fand sie es noch toll, morgens nach Belieben auszuschlafen, mittlerweile vermisst sie den Kindergarten und ihre Freunde schon sehr.

Am Montag soll ein Teil der hessischen Schüler wieder zum Unterricht gehen. Die Infektionsgefahr wird dadurch unweigerlich steigen. Ist das vertretbar?

Wir wissen, dass wir damit, wie in allen anderen Bereichen für die wir jetzt über Lockerungen reden, ein Risiko, allerdings ein kalkuliertes, eingehen. Überlegen Sie, was wäre, wenn wir die Schülerinnen und Schüler nicht wieder schrittweise in die Schulen brächten. Die soziale Interaktion in der Schule ist durch nichts zu ersetzen. Seit dem 16. März sind die Schulen geschlossen, die Sommerferien in Hessen enden Mitte August. Die Kinder hätten dann fünf Monate keine Schule mehr gehabt. Pädagogen sagen uns: Dann könnte man auch gleich von vorne anfangen.

Unter welchen Bedingungen beginnt der Unterricht am Montag?

Das wird natürlich kein regulärer Schulbetrieb sein. Bis auf weiteres halten wir die Schulen in einer Art Notbetrieb, der sich auf einen Teil der Schüler beschränkt. Wir konzentrieren uns dabei anfangs auf die Abschlussklassen, also die Jugendlichen, die im Sommer die Schule verlassen sollen.

 Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat am Freitag entschieden, dass der Unterricht an Grundschulen am Montag nicht starten darf. Bringt sie das nicht arg in die Bredouille?

Nach unserer Logik wollen wir die Klassen schrittweise von oben nach unten wieder in die Schule bringen. Das hat der Verwaltungsgerichtshof ausdrücklich bestätigt. Bundesweit wurde aber darüber hinaus verabredet, die Beschulung der 4. Klassen ebenfalls so früh wie möglich beginnen zu lassen, um ihnen den Übergang auf die weiterführenden Schulen zu erleichtern. Diese Logik hat der Verwaltungsgerichtshof nicht akzeptiert. Deshalb werden die Grundschulen in Hessen nun mindestens bis zum nächsten allgemeinen Öffnungsschritt geschlossen bleiben. Nicht, weil die Grundschule weniger wichtig wäre - aus pädagogischer Sicht gilt eher das Gegenteil. Aber Sieben- oder Achtjährige sind impulsiv, große Schüler sind eher in der Lage, Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Andererseits war es uns wichtig, deutschlandweit eine gewisse Einheitlichkeit herzustellen. Und bildungspolitisch ist natürlich zu bedenken, dass in der vierten Klasse vor dem Übergang auf die weiterführende Schule wichtige Weichen gestellt werden.

Wie wollen Sie das Infektionsrisiko in den Schulen minimieren?

Wir haben die Gruppengrößen auf maximal 15 Schüler beschränkt, die Klassen werden also mehr oder weniger halbiert. Es gilt der Mindestabstand von eineinhalb Metern, den wir auch sonst aus dem öffentlichen Raum kennen. Es wird Markierungen auf dem Boden geben, die Tische werden umgestellt, die Pausen finden zeitlich gestaffelt statt. Das alles ist in einem detaillierten Hygieneplan erläutert.

Auf eine Maskenpflicht haben Sie verzichtet. Warum?

Darüber haben wir sehr intensiv diskutiert. Klar ist, dass die Maskenpflicht auf der Fahrt zur Schule in Bussen und Bahnen gilt. Die Frage war, ob auch im Unterricht eine Maske getragen werden muss. Wir haben uns dagegen entschieden. Denn ein mehrstündiges Maskentragen kann für Kinder zur körperlichen Qual werden. Die halten das gar nicht durch, und damit wäre auch nichts gewonnen. Zudem verlieren die Masken nach einer gewissen Zeit ihre Schutzwirkung, wenn sie beispielsweise durchfeuchtet sind. Wir müssten also ständig für frische Masken und Maskenwechsel sorgen, was gar nicht zu organisieren wäre. Der Verzicht auf die Masken unterstreicht aber auch die Notwendigkeit der Abstandsregeln und dass gewisse Unterrichtsformen nicht möglich sind. Gruppenarbeit, bei der vier Kinder ihre Köpfe zusammenstecken und gemeinsam eine Aufgabe lösen, wird es vorerst nicht mehr geben.

Trotzdem werden sich Situationen ergeben, in denen Masken nötig sind. Werden in den Schulen dann genügend vorhanden sein?

Ja, wir treffen Vorkehrungen für Fälle, in denen ein Kind zum Beispiel Krankheitssymptome zeigt oder der Mindestabstand aus pädagogischen Gründen oder praktischen Zwängen nicht eingehalten werden kann. Die Schulen bekommen von uns 750.000 Schutzmasken, 7.000 Schutzhandschuhe, 4.800 Schutzkittel sowie 18.000 Liter Desinfektionsmittel zusätzlich zu dem, was die dafür zuständigen Schulträger ohnehin schon vorhalten.

Was werden die nächsten Schritte der Schulöffnung sein?

Im Laufe des Monats Mai können hoffentlich weitere Schritte folgen. Wir wollen die Schulen nach und nach für weitere Altersstufen öffnen. Es wird eine Art von gestaffeltem Betrieb geben. Zum Beispiel könnte eine Gruppe am Montag kommen und die andere am Dienstag. Vielleicht werden wir auch jeweils in halben Wochen unterrichten. Die genaue Form muss an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden.

Werden vor den Sommerferien wieder alle Schüler zur Schule gehen können?

Wir werden alles dafür tun. Das Ziel ist, dass alle Schüler vor den Ferien wenigstens einen oder zwei Präsenztage in der Woche haben, damit der Kontakt zu Lehrern und Mitschülern erhalten bleibt.

Ein Sitzenbleiben zum Ende des Schuljahres haben Sie ausgeschlossen. Warum?

Für eine Nichtversetzung fehlt uns einfach eine tragfähige Entscheidungsgrundlage. Schon rechtlich wäre das nicht durchsetzbar. Die Familien würden argumentieren, dass ihr Kind sich in den Monaten, in denen die Schulen geschlossen waren, hätte verbessern können, und dass ihm diese Chance genommen wurde. Das stimmt ja auch. Aber wir verzichten nur auf die zwangsweise Nichtversetzung. Es gibt weiterhin die Möglichkeit der freiwilligen Wiederholung. Ich appelliere an die Eltern, auch in dieser Hinsicht auf den Rat der Lehrer zu hören.

Die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts betrifft zunächst nur einen Bruchteil der Schüler. Die meisten lernen weiter zuhause, was bei manchen gut, bei manchen aber auch gar nicht funktioniert. Was werden Sie für das sogenannte Homeschooling tun?

Erst einmal muss ich sagen, dass das Lernen zuhause in den ersten vier Wochen besser gelaufen ist, als wir es hätten erwarten können. Natürlich ist das kein Idealzustand, aber niemand war auf die Situation einer flächendeckenden Schulschließung vorbereitet. Die Schulen haben von uns in dieser Woche auch weitreichende rechtliche Klärungen, Empfehlungen und Informationen zu unterrichtsersetzenden Lernsituationen, also dem Lernen zu Hause, bekommen. Dies betrifft auch den Medieneinsatz von Lernportalen.

Hat Hessen es versäumt, die technische Entwicklung der Schulen rechtzeitig voranzubringen?

Die Digitalisierung war immer als Bereicherung und Ergänzung und nicht als Ersatz für den Präsenzunterricht gedacht. Aber wir können aus der momentanen Situation viel lernen. Ich bin überzeugt, dass wir, wenn diese Krise überwunden ist, einen sehr großen Sprung gemacht haben werden.

Eine zentrale Rolle beim Homeschooling spielt das Hessische Schulportal, auf dem Lehrer und Schüler sich austauschen können. Allerdings sind noch längst nicht alle Schulen angeschlossen und das System arbeitet am Rande seiner Leistungsfähigkeit.

Auch beim Ausbau des Schulportals war niemand auf das Datum 16. März 2020 eingestellt. Eigentlich sollten die Schulen erst Mitte 2021 flächendeckend angeschlossen sein. Aber das wollen wir jetzt vorziehen. Wenn es irgendwie technisch möglich ist, werden wir bis zum Sommer allen Schulen anbieten, damit zu arbeiten.

Auf der anderen Seite hapert es auch in vielen Familien an der technischen Ausstattung. Ist es möglich, Schülern Endgeräte wie Notebooks oder Tablets unentgeltlich zur Verfügung zu stellen?

Das ist eine Option, über die wir gerne mit dem Bund sprechen. Es würde helfen, wenn wir mehr Mittel aus dem Digitalpakt zur Anschaffung von Endgeräten verwenden könnten. Bisher war die Quote dafür auf 20 Prozent beschränkt, weil aus dem Digitalpakt kein Tablet-Beschaffungsprogramm werden sollte. Aber die momentane Situation erfordert ein Umdenken. Möglicherweise könnten die Schulträger, die das Geld aus dem Digitalpakt ja im Ergebnis bekommen, einen Technik-Pool bilden und bedürftigen Schülern daraus Geräte leihweise zur Verfügung stellen.

Was halten Sie von dem Vorschlag, die Sommerferien zu verkürzen, um einen Teil des versäumten Stoffes nachzuholen?

Das haben andere Bundesländer wie Bayern und Schleswig-Holstein, die stark vom Tourismus leben, schon abgelehnt. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Ferien in voller Länge stattfinden. Vielleicht sind im Sommer auch schon wieder Urlaubsreisen innerhalb Deutschlands möglich. Dann wäre es den Eltern nicht zu vermitteln, dass sie wegen einer kurzfristig vorgenommenen Ferienverkürzung auf eine Reise verzichten oder sie sogar stornieren müssten.

Möglicherweise dauern die Beschränkungen des Reisens und anderer Aktivitäten aber an. Dann wären die Familien verdammt, sich sechs Wochen auf der Pelle zu sitzen. Die Kinder werden sich langweilen. Wäre ein Lernangebot in diesem Fall nicht sinnvoll?

An so einem Angebot arbeiten wir sowieso. Das Ziel ist zunächst, benachteiligte Schüler so zu fördern, dass sie im nächsten Schuljahr den Anschluss bekommen. Aber wenn das von Ihnen angesprochene Szenario eintreffen sollte, dann könnten wir darüber reden, ob wir dieses Programm flächendeckend für alle Schüler ausweiten.

Wie wird es im nächsten Schuljahr weitergehen?

Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt einfach noch nicht sagen. Wir werden in den kommenden Wochen viele Erfahrungen sammeln. Bis zu den Sommerferien wissen wir, was wir organisieren können, was Schule leisten kann und was nicht. Ich fürchte, ein vollständiger Normalbetrieb wird auch nach den Sommerferien nicht möglich sein.

Müssen die Lernziele und Lehrpläne entsprechend korrigiert werden? Muss es im nächsten Jahr eine Art Notabitur geben?

Es ist zu früh, das zu beurteilen, aber wir müssen sicher berücksichtigen, dass die Abiturienten des nächsten Jahres einen Teil des Stoffes verpasst haben. Damit dieser Teil nicht allzu groß wird, bringen wir jetzt ja auch die Q2, also die Abiturienten des nächsten Jahres, wieder zurück in die Schule.

Wie gravierend schätzen Sie den Schaden ein, den die heutige Schülergeneration durch Corona nimmt?

Das hängt davon ab, wie lange die Schließung und der Notbetrieb der Schulen dauern wird. Im Moment halte ich die Auswirkungen noch für überschaubar. Einige Wochen fallen gerechnet auf die Schullaufbahn nicht sonderlich ins Gewicht. Wenn die Pandemie sich aber, womöglich in einer zweiten Welle, ausweitet, dann haben wir ein echtes Problem. Deshalb ist es so wichtig, dass wir Schritt für Schritt, kontrolliert und gestaffelt zur Normalität zurückkehren. Ein massiver Rückschlag wäre eine Katastrophe.

Gibt es auch Positives, dass aus dieser Zeit resultieren könnte?

Vielleicht erkennt man nun noch mehr, was Schule für die gesamte Gesellschaft leistet. Dann wäre das Ganze am Ende“ vielleicht doch für etwas gut gewesen.

Die Fragen stellte Matthias Trautsch. Das Interview ist am 26.04. 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen.

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