Schrittweise Wiederaufnahme des Schulbetriebs

„Wir erwarten nicht, dass Eltern Schule ersetzen"

Seit Montag dürfen die Abschlussklassen wieder in die Schule gehen. An Unterricht für alle ist aber noch lange nicht zu denken. Im Interview mit der FNP spricht Kultusminister Lorz über die schrittweisen Schulöffnungen.

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Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
© HKM/ Patrick Liste

Herr Minister, wie sind die ersten Erfahrungen mit der Rückkehr in die Schulen?

Lorz: Nach allem, was ich höre, ist es im Wesentlichen gut gelaufen.

Und wie soll es weitergehen? Werden auch die vierten Klassen bald zur Schule gehen können oder wirkt das Urteil des VGH längerfristig?

L: Zwischen den einzelnen Schritten zurück zum Präsenzunterricht sollen mindestens vierzehn Tage Abstand sein, ich gehe deshalb davon aus, dass wir frühestens am 11. Mai soweit sind.  

Die Vorbereitungen für den jüngsten Start erschienen sehr kurzfristig, die Schulen mussten quasi über das Wochenende alles organisieren. Musste das denn sein?

L: Kurzfristig reagieren zu müssen ist derzeit das Charakteristikum der Gesamtsituation. Selbst wenn man  langfristig plant, kann das eine Woche später schon wieder Makulatur sein. Keiner von uns, weder die Schule noch die Verwaltung, hat so etwas schon einmal erlebt. Es ist für alle Neuland. Insofern war es eine großartige Leistung der Schulen, sich darauf einzustellen. Und auch das Ministerium arbeitet mit Hochdruck daran, der Dynamik der Entwicklung gerecht zu werden. 

Sie haben sich mit ihren Kultusministerkollegen darauf geeinigt, dass es vor den Sommerferien keinen regulären Schulunterricht für alle geben wird. Was kommt stattdessen?

L: Wir werden in allen Ländern einen Wechsel- oder Schichtunterricht einführen müssen. Denn die Abstands- und Hygieneregeln zwingen uns dazu, Klassen zu teilen und Lerngruppen mit max. 10 bis 15 Schülern zu bilden. Das heißt, wir bräuchten theoretisch doppelt so viele Räume und Lehrer, die wir natürlich nicht haben. Die Rückkehr zum vollständigen Präsenzunterricht kann es also erst mal nirgendwo geben.

Aber jedes Kind soll die Chance bekommen, überhaupt einmal zur Schule zu gehen?

L: Genau, der direkte Austausch mit den Lehrkräften ist enorm wichtig. Deshalb ist ein reduziertes Programm besser, als manche ganz und andere gar nicht in die Schule zu lassen.

Manche Kinder sind komplett abgehängt, weil die Eltern etwa per Email gar nicht erreichbar sind, wie gehen Sie damit um?

L: Es gibt solche Fälle, aber in der Regel finden die Lehrer Kommunikationsmöglichkeiten, weil sie die Schüler ja kennen. Es geht aber nicht nur um die technische Erreichbarkeit, manche Eltern können ihre Kinder inhaltlich einfach auch nicht unterstützen. Solche Defizite auszugleichen, kann eigentlich nur der Präsenzunterricht leisten.

Wird es besondere Unterstützung für schwächere Schüler geben, etwa in den Sommerferien?

L: Wir arbeiten daran, Konzepte zu entwickeln, ähnlich wie die Osterferien-Camps für versetzungsgefährdete Schüler, die in diesem Jahr leider auch weitgehend ausfallen mussten. Aber auch diese Form der Unterstützung wird im Wesentlichen nur virtuell möglich sein. Wir erwarten andererseits auch nicht, dass Eltern Schule ersetzen. Selbst wenn wir mit der Digitalisierung viel weiter wären als wir sind, könnte dies niemals die Schule als Institution ersetzen. Schule ist auch ein Lebensraum für die Kinder.

Gerade an der technischen Ausstattung hapert es, viele Kinder haben gar keinen Laptop oder PC. Wie kann das sein trotz des fünf Milliarden schweren Digitalpaktes des Bundes?

L: Der Pakt ist hauptsächlich dafür gedacht, die digitale Infrastruktur in den Schulen zu fördern. Dazu müssen Schulträger und Schulen Gesamtkonzepte präsentieren, was ja auch vernünftig ist. Es hilft nichts, wenn Dinge angeschafft werden, die hinterher niemand nutzt. Jetzt hat der Bund aber noch einmal 500 Millionen Euro zusätzlich versprochen speziell für digitale Endgeräte, das wird die Versorgung beschleunigen.

Und wer kümmert sich um den Support? Technik läuft ja nicht von alleine.

L: Auch darüber verhandeln wir gerade mit den Schulträgern. Denn natürlich kann es nicht an jeder Schule IT-Spezialisten geben. Wir  entlasten die Schulträger dafür aber an anderer Stelle, beispielsweise durch die geplante Finanzierung von 500 Verwaltungskräften.

Die Lehrerversorgung war auch ohne Corona gerade an den Grundschulen ein Problem. Jetzt fallen Ihnen auch noch ältere Kollegen weg, die zur Risikogruppe gehören, wie soll es da weitergehen?

L: Corona verschärft die Lage tatsächlich, bis zu 20 Prozent der Lehrkräfte werden uns vermutlich in der Schule fehlen. Solange aber auch Schüler zuhause arbeiten müssen, können sie diese aus der Ferne unterstützen.

Sie denken auch an die Abordnung von Gymnasiallehrern, das ist jedoch sehr umstritten.

L: Bisher konnten wir das vermeiden. Aber unter den Pandemiebedingungen muss ich es in Betracht ziehen. Hier appelliere ich an die Schulformen,  untereinander solidarisch zu sein.

 Herr Minister, viele denken derzeit bis zu den Sommerferien, aber was kommt dann?

L: Man muss ehrlicherweise sagen, dass es eher unwahrscheinlich ist, dann schon zum Normalbetrieb zurückkehren zu können. Solange es das Abstandsgebot gibt, wird das nicht möglich sein. Deshalb brauchen wir ein ausbalanciertes Verhältnis von Präsenzunterricht und dem Lernen daheim. Am Ende werden wir auch festlegen müssen, was wir von dieser Schülergeneration unter Corona-Bedingungen erwarten können und was nicht.

Das Interview führte Petra Wettlaufer-Pohl. Es ist am 30.04.2020 in der FNP erschienen.

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