Interview mit der Frankfurter Rundschau

„Wir können nicht warten"

Kultusminister Alexander Lorz über Masken im Unterricht, fehlende Erfahrungen und die Angst vor einem Chaos

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Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
Prof. Dr. R. Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
© HKM/ Patrick Liste

Herr Minister, in Ihrem jüngsten Interview mit der FR hatten Sie die Idee, Grundschulen vor Beginn der Sommerferien versuchsweise für zwei Wochen zu öffnen, "spannend" genannt. Das haben Sie dann auch getan und viel Kritik geerntet. Lehrkräfte protestierten, sie wollten keine Versuchskaninchen sein. Starten Sie jetzt mit der Schulöffnung für alle den Versuch 2.0?

Spannend waren die durchaus neuen Einschätzungen von virologischer Seite, dass Kinder unter zehn Jahren weniger als gedacht zur Verbreitung des Virus beitragen. Das hat uns in die Lage versetzt, die Öffnung der Grundschulen für alle Schülerinnen und Schüler verantworten zu können. Ich hatte und habe natürlich Verständnis für die Debatten, die daraus entstanden sind. Aber alle unsere Öffnungsschritte heraus aus dem Lockdown – nicht nur in der Schule – waren und sind ein Ausdruck des schrittweisen Herantastens zurück in Richtung Normalität.

Jetzt aber startet am Montag in Hessen der Großversuch Schulöffnung mit 760 000 Schülern und Schülerinnen und 60 000 Lehrkräften als Teilnehmer.

Das ist kein Versuch und auch keine spezifisch hessische Idee. Es ist die gemeinsame Linie aller 16 Länder, dass wir es für verantwortbar halten, nach den Sommerferien in einen Regelbetrieb an allen fünf Tagen in der Woche zu gehen – und einige Länder sind jetzt ja auch schon auf diesem Weg vorausgegangen.  Absolut verlässliche Erfahrungswerte hat dazu niemand. Wir gehen immer einen Schritt nach vorne, beobachten und werten aus, ob wir den Schritt zurücknehmen müssen oder einen Schritt weitergehen können. Wir können einfach nicht warten, bis wir dieses Virus so erforscht haben, dass wir genau wüssten, was bei jedem unserer Schritte passieren wird. Bis dahin wären wir als Gesellschaft nicht mehr existent.

Der Schulstart fällt zeitlich zusammen mit der großen Welle der Reiserückkehrer gerade auch aus Risikogebieten. Muss man nicht fürchten, dass das viele Corona-Fälle in die Schulen trägt und wir bald vor einem Chaos stehen?

Ich glaube, dass man hier trennen muss. Praktisch alle Infektionsfälle, die es bisher gab, sind von außen in die Schulen hineingetragen worden. Es gab also kein nennenswertes Ausbruchsgeschehen in der Schule selbst. Das bedeutet, dass dir die Schulen am besten schon im Vorfeld schützen müssen. Daher bin ich sehr froh, dass wir den Pflichttest für Rückkehrer aus Risikogebieten haben. Wenn diese erste „Verteidigungslinie“ funktioniert, ist das Risiko schon deutlich verringert.

In Bayern hat es jetzt erst einmal nicht funktioniert. Ist es nicht viel zu riskant, in den Klassenräumen ohne den bisher gebotenen Abstand zu sitzen und dennoch keine Maske im Unterricht zu tragen?

Ich verstehe die Sorgen, die sich Menschen machen. Aber im Unterricht ist die Maske eine erhebliche Belastung, auch körperlich, sie behindert das Lernen wie die soziale Interaktion, sie ist pädagogisch in jeder Hinsicht kontraproduktiv.

Sie haben jetzt angeordnet, dass in allen Schulen Masken getragen werden müssen, außer im Unterricht. Ist so eine allgemeine Anordnung angesichts der Unterschiedlichkeit der Schulen wirklich sinnvoll? In manchen Schulen sind die Flure ja weiter und luftiger als die Klassenräume selbst.

Es gilt generell die Maskenpflicht. Die einzelne Schule kann genau in solchen Konstellationen aber davon abweichen, wenn sie diesen Schritt gemeinsam als Schulgemeinschaft geht. Diese Freiheit gibt es nur in Hessen. Im Übrigen herrscht ja kein Maskentrageverbot. Wer sie im Unterricht aufsetzen möchte, kann das tun. Das gilt natürlich auch für die Lehrkräfte. Dafür haben wir den Schulen ausreichend Masken und andere Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt und liefern permanent nach.

SPD und Linke, Eltern und Lehrerverbände fordern einen Stufenplan wie etwa in Bayern oder Thüringen, der regelt, was bei bestimmten Infektionszahlen in einem Schulbezirk zu geschehen hat. Warum gibt es das für Hessens Schulen nicht?

 Es gibt auch in Hessen einen Stufenplan mit Schwellenwerten, ab denen die Gesundheitsbehörden zu einschneidenden Maßnahmen greifen. Aber die Gesundheitsbehörden haben ausdrücklich davon abgeraten, bestimmte Maßnahmen bei Überschreitung dieses Wertes automatisch anzuordnen. Die Infektionslagen vor Ort können sehr unterschiedlich sein. Deswegen muss man darauf auch flexibel reagieren können. Im Übrigen kennen die Schulen die daraus für die Schulorganisation möglicherweise folgenden Szenarien. Wir haben sie gemeinsam in der Konzeptgruppe zum Ende des alten Schuljahres erarbeitet und besprochen. Wir haben den Schulen dazu auch vielfältige Unterlagen und Hilfen zur Verfügung gestellt. Wie vor Ort auf eine neue Infektionslage reagiert wird, liegt aber vor allem in der Hand des örtlichen Gesundheitsamts. Sollte sich die Infektionslage verschlechtern, müssen wir möglicherweise lokal wieder dahin zurückkehren, Klassen zu teilen, feste Lerngruppen einzurichten, Präsnez- und Distanzunterricht zu mischen, Unterricht auf Hauptfächer zu beschränken und so weiter.Auch eien Maskenpflicht im Unterricht kann dann zur Debatte stehen. Ich hoffe, das wird nicht nötig werden, aber ich schließe das auch nicht aus.

Wie gut sind Hessens Schulen denn darauf vorbereitet, Lernen auf Distanz anzubieten? Es kann ja sehr schnell geschehen, dass einzelne Schüler oder auch ganz Lerngruppen wegen einer Infektion zuhause bleiben müssen. Droht damit, dass diese vom Lernen abgehängt werden, wie es ja im vergangenen Schulhalbjahr häufig der Fall war?

Die Schulen sind definitiv besser vorbereitet als im März. Wir haben viele Schulen neu an das Schulportal angeschlossen, das außerdem weiter ausgebaut wird. Die Schulträger kaufen gerade Geräte für bedürftige Schüler, bald soll es diese flächendeckend geben. Wir haben uns vor allem intensive Gedanken gemacht, wie die Kinder, die zu Hause weiter unterrichtet werden müssen, noch besser unterstützt werden können und wie die Lehrkräfte, die ebenfalls zu Hause sind, effektiver eingesetzt werden. Dazu gehört auch, dass Lehrkräfte nun ein regelmäßiges Feedback geben müssen.

Wie viele Schülerinnen und Schüler sind von der Schulbesuchspflicht befreit, weil sie selbst oder nahe Angehörige zu einer Risikogruppe zählen?

Das waren zum Ende der Schulzeit Anfang Juli vier bis fünf Prozent.

Also mehr als 30 000.

Ja, und ich denke, diese Zahl wird auch nicht stark sinken, denn kaum jemand wird leichtfertig sein Kind vom Lernen in der Schule fernhalten wollen.

Videosysteme aber, die gebraucht würden, um Schüler in den Unterricht zuzuschalten oder ganze Klassen zu erreichen, gibt es längst nicht flächendeckend.

Wir arbeiten daran, dass das hessische Schulportal auch diese Funktion bietet.

Wann wird das der Fall sein?

Wir gehen davon aus, dass dies im zweiten Schulhalbjahr zur Verfügung stehen wird. Bis dahin dürfen Lehrkräfte auch andere, kommerzielle oder kostenlose Angebote nutzen, die es auf dem Markt zahlreich gibt. Dafür haben wir eine entsprechende Freigabe des Datenschutzbeauftragten erwirkt und werden auch das Geld dafür zur Verfügung stellen. Zudem werden wir Lehrkräfte, die aus gesundheitlichen Gründen ebenfalls der Schule fernbleiben, gezielt für den Unterricht gerade auch dieser Kinder und Jugendlichen einsetzen.

Wie viele Lehrkräfte werden für den Präsenzunterricht zur Verfügung stehen und wie viele einer Risikogruppe angehören und zuhause bleiben dürfen?

Dazu haben wir noch keine sicheren Zahlen, da Betroffene dies ja auch am Montag zum Tag des Schulstarts noch melden können. Vor den Ferien lag die Quote bei rund zehn Prozent. Wir haben aber erste Signale bekommen, dass durch die Attestpflicht die Zahl deutlich sinken wird, wie dies in anderen Ländern auch geschehen ist.

Mit welchen Gedanken sehen Sie dem Montag entgegen?

Ich bin ein positiv denkender Mensch. Unsere Gesellschaft hat die Corona-Pandemie bisher beeindruckend gemeistert. Das gilt auch für die Schulen. Trotzdem ist der Montag eine besondere Situation. Mir ist für den Schulbeginn am Montag eine Botschaft sehr wichtig: Wir können unseren Kindern nicht zumuten abzuwarten, bis sich das Problem „Corona“ erledigt hat.

Das Interview führte Peter Hanack für die Frankfurter Rundschau (erschienen am 15.08.2020).

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