Lorz zu Gast bei der Fuldaer Zeitung

„Wir müssen den Lehrern mehr vertrauen!“

Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz spricht im Interview mit der Fuldaer Zeitung (Ausgabe vom 14.07.2017) über Veränderungen in der Schule und unsere Bildungsregion.

Wie ist der Stand der Digitalisierung im Land Hessen?

Das kommt darauf an, woran Sie das messen wollen. Wir haben viele Projekte und Initiativen und kommen kontinuierlich voran. Aber das ist eine Daueraufgabe, da die technische Entwicklung immer  weiter geht. Wir versuchen mit dem, was wir zur Verfügung stellen, am Ball zu bleiben.

Wo würden Sie das Land Hessen bei der Digitalisierung im Bundesvergleich einordnen?

Das kann man nur schwer sagen, es gibt keine validen Abgleiche. Woran wollen Sie das messen? An der Zahl der Tablet-Klassen? Es ist aber interessant, zu fragen, welche Möglichkeiten und Chancen die Digitalisierung in der Schule bietet und was wir davon nutzen können.

Was nutzt Digitalisierung, wenn es noch viele Lehrer gibt, die in einer analogen Welt leben?

Es kommt bei der Umsetzung natürlich auf die Lehrerinnen und Lehrer an. Wir müssen daher über die Lehreraus- und Lehrerfortbildung arbeiten. Es hat keinen Sinn, wenn wir versuchen, alle 60.000 Lehrerinnen und Lehrer in Hessen zu digitalen Experten zu machen. Wichtig ist vor allem, an den Schulen Multiplikatoren zu finden, die die Entwicklung vorantreiben und möglichst viele Kollegen mitnehmen.

Wie sehen Sie dabei Ihre Rolle als Kultusminister?

Ich sehe mich als Begleiter und Ermöglicher. Es kommt darauf an, mit der Entwicklung Schritt zu halten und die Schulen dabei zu unterstützen.

Das von Bundesbildungsministerin Wanka ausgerufene Digitalpaket sieht 5 Milliarden Euro vor. Wie viel davon bekommt Hessen?

Bisher gibt es im Bundesetat nicht mal einen Haushaltstitel dafür. Es ist bislang lediglich ein politisches Projekt. Wir müssen abwarten, wie es nach der Wahl weitergeht. Wir als Land bereiten es auf unserer Ebene und gemeinsam mit den anderen Ländern in der Kultusministerkonferenz vor und überlegen, wie wir einen solchen Pakt mit Leben füllen können.

Ein anderes Thema. Wird die Schule zunehmend zum Reparaturbetrieb für die Familie?

Wir sehen schon, dass unsere Schulen heute zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen, die früher in der Familie verortet waren. Auch aus diesem Grund gibt es ja immer mehr Ganztagsangebote. Bedenklich stimmt mich eine Tendenz, die ich wahrnehme, dass die Gesellschaft teilweise den Hang hat, immer mehr Aufgaben bei der Schule abzuladen. Dies kann auch dazu führen, dass sie sich überfordert fühlt.

Ist ein kindgerechtes Leben damit noch möglich, wenn die Kinder bis spät nachmittags in die Schule gehen?

Ich wehre mich gegen das Müssen. Es ist ein Angebot. Ich würde niemals verordnen, dass alle Kinder bis spät nachmittags in der Schule sein müssen. Deshalb setzen wir als Land auf eine Vielzahl an unterschiedlichen Ganztagsangeboten. Wenn die Ganztagsangebote aber angesichts der Tatsache, dass immer häufiger beide Elternteile voll arbeiten, zunehmend gefordert werden, muss man Schule als Lebensraum gestalten. Dort werden Kinder nicht nur bei den Hausaufgaben betreut, sondern sie sollen auch Anreize bekommen, um ihre Freizeit zu gestalten. Schule muss ein Lebensraum sein, in dem sich die Schüler wohlfühlen.

Lehrer galt früher als Traumberuf. Aber ist es heute nicht so, dass Lehrer immer mehr eingeschränkt werden durch Paragrafen und immer mehr Druck aufgebaut wird von den Eltern?

Vielleicht hat man den Lehrern früher mehr Vertrauen entgegengebracht. Daher mein Appell: Wir müssen den Lehrkräften vertrauen. Wo dieses Vertrauen da ist, kommt es auch zu keinen Streitigkeiten. Leiderkommt es immer häufiger vor, dass Streitfälle auf dem juristischen Feld ausgetragen werden. Wenn dies so ist, muss Schule darauf reagieren. Wünschenswert ist es aber nicht.

Wie ist die Altersstruktur der Lehrer? Sind sie nicht zu alt?

Die Altersstruktur ist in Hessen nicht bedenklich. Dies können Sie darauf zurückführen, dass wir über viele Jahre hinweg eine konstante Einstellungspolitik mit etwa 2000 Lehrkräften pro Jahr praktiziert haben.

Man hat aber den Eindruck, es ist gegenwärtig schwierig eine Stelle zu bekommen?

Das kommt auf das Lehramt und die Fächerkombination an. Wer Lehramt für Grundschule, für Förderschule oder ein technisches Fach an der Berufsschule studiert hat, bekommt heute den roten Teppich ausgerollt. Auch in Bereichen der Naturwissenschaften oder etwa in Kunst sind wir über jeden glücklich, den wir finden können. Es gibt aber auch Fächer wie Deutsch, Geschichte und Erdkunde an Gymnasien, da ist es schwierig eine Stelle zu bekommen, weil es nach wie vor sehr viele Bewerber gibt.

Wenn der Kultusminister nach Fulda kommt, was fällt ihm dann beim Schulwesen als erstes ein?

Hier ist alles sehr geordnet. Es gibt wenig Beschwerden oder Probleme. Ich habe das Gefühl, hier gibt es eine etablierte und bewährte Schulstruktur vor Ort. Hier finden Veränderungen sehr organisch statt. Daher macht mir Fulda wenig Sorgen.

Fuldaer Schulen schneiden bei vielen hessenweiten Tests sehr gut ab. Woran liegt das?

Wie gesagt, die gesunde Struktur spielt da bestimmt eine Rolle.

Anders gefragt. Gibt es hier eher noch eine heile Welt?

Ja, ich glaube, dass man das bis zu einem gewissen Grad so sagen kann. Es gibt im hessenweiten Vergleich einfach weniger Probleme.

Ein Thema in unserer Region waren die lange andauernden Bewerberverfahren an der Freiherr-vom-Stein-Schule und an der Johannes-Kepler-Schule in Neuhof. Muss das sein?

Es kann manchmal lange dauern, weil wir hier von komplexen Verwaltungsverfahren sprechen. Wir brauchen Ausschreibungen, bei mehreren Bewerbern müssen Beurteilungen verfasst werden, es gibt Überprüfungsverfahren mit Berichten. Eine Entscheidung muss gerichtsfest sein, sonst drohen Konkurrenten-Streitverfahren. Es gibt viele Faktoren, die man nicht beeinflussen kann. Manchmal ändert sich wie an der  Freiherr-vom-Stein-Schule auch die Bewerberlage. Insgesamt gibt es einfach viele Möglichkeiten, warum ein Verfahren länger dauern kann. Wenn alles normal läuft, kommen wir mit kurzen Vakanzen aus, oder der Übergang läuft sogar fließend.

Ist die Integration der Flüchtlinge in den Schulen gelungen?

Wenn man die Größe der Herausforderung bedenkt – wir hatten in den vergangenen zwei Jahren rund 38.000 Seiteneinsteiger ohne Deutschkenntnisse –  ist sie bislang sehr gut gelungen. Das ist dem großartigen Engagement der Lehrkräfte und den Schulämtern und Schulleitungen vor Ort geschuldet. Wir haben aber auch kurzfristig viele neue Stellen mobilisiert.Wenn man bedenkt, wie groß die Herausforderung war, ist die Zwischenbilanz sehr positiv.

Welche Note würden Sie sich geben?

Man sollte vorsichtig damit sein, sich selbst zu bewerten. Wenn ich das ganze System betrachte, dann würde ich uns eine 1- geben. Hätte man mich vor zwei Jahren gefragt, ob wir dies bewältigen können, hätte ich meine Zweifel gehabt. Aber es ist noch viel zu tun.