Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd)

„Wir werden islamischen Religionsunterricht weiter anbieten"

Der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hält an der dem türkischen Islamverband Ditib gesetzten Frist fest, bis zum Jahresende seine Unabhängigkeit von der Regierung in Ankara zu beweisen. Andernfalls werde das Land seine Zusammenarbeit mit Ditib beim islamischen Religionsunterricht beenden. Auch dann aber werde der islamische Religionsunterricht weiter an den Schulen angeboten, sagte Lorz dem Evangelischen Pressedienst (epd).

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Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz
© HKM / Manjit Jari

Kultusminister Alexander Lorz im epd-Interview mit Gerhard Kneier.

epd: In Ditib-Moscheen werden die Kriegseinsätze der Türkei in Syrien verherrlicht. Der Landeselternbeirat fordert ein Ende der Zusammenarbeit beim islamischen Religionsunterricht mit dem türkischen Verband. Ist Ditib noch ein geeigneter Partner für den bekenntnisorientierten Religionsunterricht in hessischen Schulen?

Lorz: Wir unterziehen das zurzeit einer intensiven Prüfung, da sind wir mitten im Verfahren. Wir betrachten solche Entwicklungen in den Moscheen mit großer Sorge. Aber sie finden eben in Moscheen statt mit aus der Türkei kommenden Imamen und nicht in den Schulen, wo unsere eigenen Lehrkräfte des Landes Hessen tätig sind. Wenn es in Schulen vorkäme, würden wir sofort eingreifen, aber das ist ja nicht der Fall. Deshalb halten wir das vereinbarte Verfahren ein und geben Ditib ein Jahr Zeit, um die Unabhängigkeit des Landesverbands Hessen von Ankara sicherzustellen. Ende des Jahres wird dann Bilanz gezogen, ob das wirklich erfolgt ist. Andernfalls werden wir die notwendigen Konsequenzen ziehen.

epd: Ist ein ganzes Jahr Frist, also über die Landtagswahl im Herbst hinaus, nicht ein zu langer Zeitraum?

Lorz: Nein, wir halten den Zeitraum für durchaus angemessen. Schließlich betreiben wir den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht schon seit fünf Jahren. Und die von uns beauftragten Gutachter haben sich das alles kritisch angeschaut. Das ist eine andere Situation, als wenn man so ein Vorhaben neu aufsetzt wie in den anderen Bundesländern diskutiert wurde und wird. Etwas Bestehendes zu widerrufen, ist etwas anderes, als etwas neu zu beginnen. Da ist ein Jahr Frist nicht unangemessen.

epd: Und wenn man am Ende zu dem Ergebnis kommt, mit Ditib geht es nicht mehr? Hat das Land da noch eine Alternative, oder wird der islamische Religionsunterricht dann eingestellt? Nur mit Ahmadiyya als dem zweiten, kleineren Partner wird es ja wohl kaum gehen.

Lorz: Nein, das würde nicht bedeuten, dass es vorbei ist mit islamischem Religionsunterricht. Es hätte aber zur Folge, dass er - von Ahmadiyya abgesehen - nicht mehr als bekenntnisorientierter islamischer Unterricht fortgesetzt werden könnte, denn wir haben keinen anderen Partner auf muslimischer Seite, der dann einspringen könnte. Ich will aber muslimische Schulkinder nicht ohne schulischen Religionsunterricht lassen. Das würde ja bedeuten, dass ihre religiöse Unterweisung dann ausschließlich in Moscheen oder Koranschulen erfolgte, wo wir gar keinen Einfluss haben. Deshalb wollen wir islamischen Religionsunterricht auf jeden Fall weiter anbieten, auch wenn er mangels Kooperationspartner dann nicht mehr bekenntnisorientiert wäre.

epd: Was halten Sie generell vom bekenntnisorientierten Religionsunterricht, auch den mit der katholischen und evangelischen Kirche als Partnern? Hat er eine Zukunft, oder wird es irgendwann nur noch Religionskunde oder Ethikunterricht geben?

Lorz: Das Angebot des Ethikunterrichts muss es als Ersatzfach geben, denn Religion ist ja aus gutem Grund das einzige Pflichtfach an hessischen Schulen, von dem man sich abmelden kann. Aber der bekenntnisorientierte Religionsunterricht ist eine großartige Sache und so in Deutschland einzigartig, ein bewährtes Zusammenwirken von Kirche und Staat. Es ist weder ein laizistisches System mit totaler Trennung noch das Gegenteil davon mit einer Staatskirche. Ich halte den bekenntnisorientierten Religionsunterricht für das ideale Modell, Kirche und Staat beim Schulunterricht in vernünftiger Weise zu verzahnen, mit einer gemeinsamen Verantwortung: der der Kirche für Glaubensinhalte und der des Staates für den Bildungsauftrag und die verfassungsmäßige Ordnung. Es ist ein gut funktionierendes System, daher resultiert ja auch der Versuch, es auf andere Religionsgemeinschaften zu übertragen. Der bekenntnisorientierte Religionsunterricht ist ein sehr gutes und zukunftsweisendes Konzept. Dieser Unterricht ermöglicht auch eine kritisch reflektierende Auseinandersetzung mit religiösen Glaubensinhalten, aber eben auf deren Fundament. Eine staatliche Religionskunde als alleiniges Angebot halte ich dagegen nicht für eine gute Lösung. Wir arbeiten mit den christlichen Kirchen sehr gut zusammen.

epd: Wie ist denn der Stand der Sprach- und Integrationskurse für Flüchtlingskinder in Hessen? Kommen so viele in die Regelklassen wie gewünscht, und sind sie fit genug dafür?

Lorz: Seit 2015 sind bereits mehr als 21.000 Seiteneinsteiger in den regulären Schulunterricht gewechselt. Aber es gibt grundsätzlich keine Wunschvorstellung, wie viele Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt in die Regelklassen kommen sollen. Voraussetzung ist immer, dass sie auch in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen. Es gibt keine starre Vorgabe, sondern wir überlassen es Schulleitungen und Lehrkräften, individuell festzustellen, wann ein Schüler in der Lage ist, in die Regelklasse zu gehen. Und auch dann wird für ihn ja der Deutschförderunterricht nicht enden, sondern mit zusätzlichen Stunden begleitend zum Regelunterricht fortgesetzt. Eine dauerhafte Separation dieser Schüler wäre nicht von Vorteil für ihre Integration.

epd: Viele Lehrer fühlen sich mit den Zusatzaufgaben von Inklusion und Integration stark belastet, manche überlastet. Was kann das Land tun, um Ihnen zu helfen?

Lorz: Wir erkennen die zusätzlichen Herausforderungen bei Integration und auch Inklusion durchaus an und stärken deshalb die Unterstützungssysteme auf verschiedenen Wegen. Dazu gehören vor allem zusätzliche Lehrer - wir stellen derzeit jeweils etwa 2.500 Vollzeitstellen für Sprachunterricht, Inklusion und Ganztagsschulen zur Verfügung, also insgesamt 7.500 zusätzliche Lehrer nur für diese Herausforderungen. Hinzu kommen in diesem Jahr 700 Stellen an sozialpädagogischen Fachkräften für die Schulen. Und auch das wird nicht das Ende des Weges sein, wir bauen das sukzessive auf und sind uns der Dimension der Herausforderungen bewusst.

epd: Vor einem Jahr gab es eine Demonstration gegen die Richtlinien für Sexualkunde an hessischen Schulen. Wie sieht es heute in der Praxis aus? Gibt es viele Beschwerden?

Lorz: Es gibt gar keine konkreten Beschwerden aus hessischen Schulen. Briefe zu diesem Thema kommen eher von außerhalb Hessens im Rahmen orchestrierter Aktionen, etwa gegen die Akzeptanz von Homosexualität. Wir haben den gesellschaftlichen Entwicklungen Rechnung getragen und deshalb den Lehrplan modernisiert. Aber ich kenne keinen Fall aus Hessen, wo Eltern sich konkret über die Durchführung des stattfindenden Unterrichts beschwert hätten.

Quelle: epd

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