Fachtagung

„Hinsehen. Handeln. Helfen“ – Vernetztes Vorgehen gegen Ehrgewalt

20.03.2017Hessisches Kultusministerium

Kultusminister Lorz plädiert auf Fachtagung für gemeinsames Handeln und stellt neue Materialien zur Information vor

„Gewalt im Namen der Ehre“ Ist das auch hierzulande, hier in Hessen ein Thema, ein Problem? Dieser Frage stellten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer gleichnamigen Fachtagung, die heute in Wiesbaden-Naurod stattfand. Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter, Vertreter von Beratungsstellen und Jugendeinrichtungen, von Polizei und Justiz sowie aus Kommunen tauschten sich aus, mit dem Ziel durch vernetztes und gemeinsames Handeln der sogenannten Ehrgewalt den Kampf anzusagen. Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz stellte in seinem Grußwort klar: „Gewaltdelikte, die unter der Berufung auf einen kulturell begründeten Ehrbegriff begangen werden, können in unserer rechtsstaatlichen Demokratie nicht geduldet werden.“ Der Gesetzgeber habe Zwangsheirat 2011 mit Einfügung des § 237 Strafgesetzbuch (StGB) zur Straftat erklärt. „Das ist ein wichtiger Schritt gewesen. Aber weitaus wichtiger ist es, darüber nachzudenken, wie wir Opfer und damit viel Leid verhindern können. Wie können wir alle dabei mitwirken?“, so Lorz.

Gewaltprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Das Dunkelfeld zu Gewaltdelikten im Namen der Ehre ist groß. Daher sind viele unterschiedliche Maßnahmen erforderlich, die nicht nur die Mitwirkung einzelner, sondern der gesamten Gesellschaft bedürfen. „Gewaltprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dazu gehören auch die Maßnahmen zur Vermeidung von Ehrgewalt“, betonte der Kultusminister. Er nannte die hohe Teilnehmerzahl von über 170 „ermutigend“. Sie sei Beispiel dafür, dass es denjenigen, die in ihrer täglichen Arbeit damit konfrontiert werden, ein Anliegen sei, sich zu informieren und über Optionen der Prävention und Intervention zu diskutieren.

Die Schule nehme vor allem bei der Prävention eine wichtige Rolle ein, so Lorz. „Schule kann für die betroffenen Mädchen, aber zunehmend auch für Jungen sowie Heranwachsende eine Art Schutzraum bedeuten. Hier sind sie nicht dem direktem Einfluss und der Kontrolle der Familie ausgesetzt.“ Zudem besitze die Schule Möglichkeiten, Themen wie Partnerschaft und Geschlechterrollen im Unterricht zu behandeln, demokratisches Handeln einzuüben und den Schülerinnen und Schülern auch fächerübergreifend ein Bewusstsein für Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung zu vermitteln. „Das Vertrauensverhältnis, das Lehrkräfte zu ihren Schülerinnen und Schülern haben, kann eine gute Ausgangsbasis dafür bilden, dass die Betroffenen mit ihnen über ihre Probleme sprechen. Die Schule kann ein Türöffner sein für weitere Lösungsmöglichkeiten in der Krise.“ Damit eine effektive Hilfe und Unterstützung zuteilwerden könne, bedürfe es eines wirksamen Netzwerks, in dem alle eine Aufgabe haben - Schule, Polizei, Justiz, Jugendamt, kommunale Verwaltung, Beratungsstellen und andere Einrichtungen, so der Kultusminister. „Also ‚Gemeinsam handeln. Mehr erreichen!‘, um es mit dem Slogan des Netzwerks gegen Gewalt auszudrücken.“

Neue Informationsbroschüre und Flyer für betroffene Kinder und Jugendliche

Als im Jahr 2012 das Hessische Kultusministerium zusammen mit TERRE DES FEMMES und mit Unterstützung des Netzwerks gegen Gewalt eine Fortbildung für Lehrkräfte zum Umgang mit Ehrgewalt anbot, berichteten teilnehmende Lehrkräfte von Schülerinnen an ihrer Schule, die von Zwangsheirat betroffen waren. Angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen ist dieses Thema aktueller denn je. Das Netzwerk gegen Gewalt, die Gewaltpräventionsinitiative der Hessischen Landesregierung, hat in den vergangenen Jahren bei Prävention und Intervention von Ehrgewalt zur Vernetzung beigetragen. Zum Beispiel durch die Gründung von regionalen Netzwerken und durch berufsübergreifende Fachtagungen und Workshops.

Diesen Prozess sowie die Arbeit in der Prävention und Intervention unterstützen, will auch die Broschüre „Gewalt im Namen der Ehre. Hinsehen. Handeln. Helfen.“  Sie ist eine Neubearbeitung der bereits 2009 erschienen Ausgabe und zugleich eine Zusammenführung mit dem vom Kultusministerium herausgegebenen Leitfaden „Gewalt im Namen der Ehre. Zwangsheirat und Ehrenmord.“ Dieser neuen Ausgabe liegt wie der ersten die Auffassung zugrunde, dass der Ausübung von Gewalt vor allem durch eine vernetzte Zusammenarbeit der relevanten Akteure begegnet werden kann. Konstanze Schmidt, Geschäftsführerin des Netzwerks gegen Gewalt, konnte die neue Broschüre heute den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fachtagung vorstellen.

Die Broschüre, die sich an Zielgruppen richtet, die helfen und unterstützen möchten, wird ergänzt durch einen Flyer zum Thema Zwangsheirat, der für (potenziell) betroffene Kinder, Jugendliche und Heranwachsende ab 12 Jahren erarbeitet wurde. „Die freie Partnerwahl ist ein Menschenrecht“, hob Kultusminister Lorz hervor. Das komme auch in dem Titel des Flyers zum Ausdruck: „Du entscheidest, wen und ob du heiratest“. Eine solche Broschüre und ein solcher Flyer seien wichtige Bausteine im Bereich der Prävention und Intervention. „Doch es bedarf immer wieder neuer Initiativen und Ideen, damit das Thema weiterhin im Fokus bleibt. Daher heißt der Auftrag an uns alle: Aufklären, informieren, unterstützen und schützen der Betroffenen, Netzwerke schaffen. Gemeinsam handeln – Mehr erreichen!“

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Stefan Löwer