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Interview

Kultusminister Lorz im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau zum Schuljahresstart

Thema: 
Rund um das Schuljahr
11.08.2017Hessisches Kultusministerium

Interview vom 11.08.2017 mit Kultusminister Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz in der Frankfurter Rundschau.

Herr Lorz, das Schuljahr beginnt mit Lehrermangel. Gehen Grund- und Förderschulen mit unbesetzten Stellen ins neue Schuljahr?
Am ersten Schultag sind nie alle Stellen final besetzt. Das ist ein Prozess, der in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist. Ein richtiges bzw. vollständiges Bild ergibt sich erst bis zu den Herbstferien.

Aber die Schulen müssen damit rechnen, dass die ein oder andere Stelle nicht besetzt ist?
Wir haben in diesem Jahr größere Schwierigkeiten im Grund- und Förderschulbereich als in den Jahren zuvor. Wir arbeiten aber intensiv daran, dass die Lücken, die entstehen könnten, so gering wie möglich bleiben und keine Auswirkungen auf den Unterricht haben.

Man sagt immer: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Wollen Sie vielleicht doch Lehrkräfte von anderen Bundesländern „stehlen“?
Wir freuen uns natürlich über jeden, der aus einem anderen Bundesland kommt. Wir stellen im Moment auch alle, die die entsprechende Qualifikation haben, ein. Denjenigen, die bei uns die Ausbildung absolvieren, geben wir zudem schon frühzeitig die Zusicherung, dass wir sie übernehmen, damit sie uns nicht von anderen Bundesländern „gestohlen“ werden. Aber: Alle Bundesländer suchen Grund- und Förderschullehrer, alle Länder stellen sie ein. Deswegen ist die Wanderungsbewegung für ausgebildete Grundschullehrkräfte praktisch zum Erliegen gekommen.

Was heißt das für die betroffenen Schulen?
Die Grundunterrichtsversorgung ist voll abgedeckt. Deutsch, Mathematik, Sachunterricht und alles, was sonst noch im Stundenplan steht, findet überall statt. Aber es kommen noch viele Aufgaben hinzu, die wir mit zusätzlichen Stellen abdecken wollen und müssen. Vier oder fünf Prozent Zuschlag, die wir jeder Schule gewähren, dann die sozialindizierte Lehrerzuweisung gerade im Ballungsraum. Der Ganztag wird extra finanziert, Inklusion wird extra finanziert, Integration und Sprachförderung werden extra finanziert. Wenn wir das über alle Grundschulen hinweg rechnen, haben wir eine Versorgung von 122 Prozent in Hessen. Bei den fehlenden Lehrkräften reden wir aber nur über eine Lücke von einem Prozent. Sozusagen eine Lücke zwischen 121 und 122 Prozent. In der großen Mehrheit der Schulamtsbezirke wird es keine Probleme geben.  Im Ballungsraum kann es aber sein, dass die Zusatzangebote, die etwa aus dem Sozialindex finanziert werden, nicht komplett durch ausgebildete Lehrkräfte abgedeckt werden können.

Grundschullehrer verdienen weniger Geld als Lehrer an anderen Schularten. Sollte man das Einkommen anheben, um den Beruf attraktiver zu machen?
Da reden wir von einem großen Rad. Das wären 70 Millionen Euro im Jahr, die das kosten würde. Das kann man nicht im Vorübergehen machen. Unter den Bundesländern haben wir den Konsens, dass wir Grundschullehrkräfte nach A12 besolden. Der gewachsene Bedarf an Grundschullehrkräften ist ja auch nicht dadurch entstanden, dass die Nachfrage nach dem Lehramtsstudium eingebrochen wäre. Deswegen haben wir mit den Hochschulen vereinbart, dass wir die Zahl der Studienplätze für den Grund- und Förderschulbereich um 50 Prozent erhöhen, nämlich um 315 Plätze.. Die Universitäten, insbesondere die Frankfurter, signalisieren uns auch, dass sie davon ausgehen, alle Plätze im Wintersemester voll zu haben.  

Stichwort Inklusion: In vielen Schulen rumort es, weil der Unterricht nicht mehr funktioniert. Zu wenige Förderstunden, Sonderpädagogen auf der Durchreise, in Frankfurt besonders großer Unmut wegen des Rückbaus des Gemeinsamen Unterrichts. Kann Inklusion so vorankommen?
Wir geben uns keinen Illusionen hin. Inklusion ist ein auf viele Jahre angelegter Prozess. Wir setzen auf das dezentrale Konzept der inklusiven Schulbündnisse. Da hinein geben wir alle förderpädagogischen Ressourcen in Form von Stellen und Geld. Mit diesen Ressourcen sollen die Akteure vor Ort entscheiden, wo die Kinder am besten gefördert werden können. Wenn jetzt gefordert wird, sämtliche Klassen durchgängig doppelt mit Förderschullehrern zu besetzen, ist das illusorisch. Der Gedanke, dass wir einfach mal 50.000 Sonderpädagogen von irgendwo herzaubern, ist einfach nicht realistisch.

-Das heißt: Das Frankfurter Modell für den gemeinsamen Unterricht, in dem neben dem Regellehrer ein Förderlehrer anwesend war, für bis zu vier behinderte Kinder in der Klasse, ist kein Modell für Hessen?
Das lässt sich so nicht flächendeckend durchführen. Das ist nicht nur eine Frage der Finanzen, sie würden auch die Leute dafür gar nicht bekommen.  Der Gemeinsame Unterricht war Inklusion für einen sehr ausgewählten, kleinen Kreis von Kindern an einem kleinen Kreis von Schulen. Überall in Hessen ist das so einfach nicht umsetzbar.

Sie haben sich einige Wochen lang um Ihre Tochter gekümmert und dafür eine teilweiseAuszeit vom Ministeramt genommen. Das Kinderbett steht noch im Büro. Haben Sie einen neuen Blick darauf bekommen, was man in der Schule lernen sollte?
Für die Schule nicht unbedingt, wenn Sie von einem zehn Monate alten Kind reden, das Freitag das letzte Mal hier im Büro war und sich hier wohlfühlt. Aber ich bin dankbar dafür, dass ich auf diese Weise meine Tochter habe noch besser kennenlernen können.

Hat sich Ihr Blick auf andere Themen geändert, etwa auf faire Aufgabenteilung in der Familie und Betreuungsangebote nach 17 Uhr?
Ich war mir der Relevanz dieser Themen schon länger bewusst. Als mein Sohn, der gerade Abitur gemacht hat, noch klein war, sah das Betreuungsangebot noch viel spärlicher aus. Ich habe schon immer Familienpolitik für eines der wichtigsten Felder der Politik gehalten. Gerade die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist eine bedeutende politische Herausforderung. Deswegen ist es mir ein echtes Bedürfnis, wenn wir den Ausbau von Ganztagsangeboten  - aber ohne jede Form von Zwang - als einen Schwerpunkt dieser Legislaturperiode definieren. 

Das Interview führte Pitt von Bebenburg

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Stefan Löwer