Maßnahmenpaket zur Lehrkräftegewinnung

Mehr Stellen für Grundschulen – mehr Personal für Grundschulen

24.04.2020Hessisches Kultusministerium

Kultusminister Lorz: „Wir benötigen weiterhin mehr Lehrkräfte, um Vorhaben wie Ganztagsausbau und Deutschunterricht umzusetzen.“

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PK Lehrkräftegewinnung
© HKM

Die Zahl der Lehrerstellen an hessischen Schulen hat sich in den vergangenen 20 Jahren trotz gesunkener Schülerzahl deutlich erhöht. Nie standen den hessischen Schulen mehr Stellen zur Verfügung. „Allein seit 2014 haben wir über 5.000 neue Stellen geschaffen", erklärte Hessens Kultusminister Prof. Dr R. Alexander Lorz heute in Wiesbaden. Besondere und langfristig nicht vorausplanbare Effekte, wie beispielsweise eine gestiegene Zuwanderung, haben neben einer wieder steigenden Schülerzahl bei den Erstklässlern zu zusätzlichem Bedarf und einem entsprechenden Stellenaufwuchs beigetragen. Gleichzeitig habe die Zahl der am Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden ausgebildeten Lehrkräfte mit dem wachsenden Bedarf nicht auf jedes Lehramt bezogen Schritt gehalten. „Dies betrifft vor allem die Grundschulen, für die das Angebot voll ausgebildeter Lehrkräfte nach wie vor unter dem Bedarf liegt", erklärte Lorz.

Darüber hinaus wolle die Hessische Landesregierung aber auch in Zukunft deutliche bildungspolitische Akzente setzen. Dazu gehörten unter anderem der weitere Ausbau von Ganztagsangeboten, die sukzessive Einführung einer zusätzlichen Deutschstunde sowie die geplante Verpflichtung zum Besuch von Vorlaufkursen ab dem Schuljahr 2021/22. „All diese Vorhaben tragen zur Verbesserung der Bildung unserer Kinder und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei", so Kultusminister Lorz.

Schon in der Vergangenheit hatte das Kultusministerium zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die Lehrkräfteversorgung im Grundschulbereich sicherzustellen. Dies gelang kurzfristig vor allem dank der Bereitschaft älterer Kolleginnen und Kollegen, ihren Ruhestandseintritt aufzuschieben oder als Pensionäre mit einem befristeten TV-H-Vertrag an die Schule zurückzukehren, sowie dank der Bereitschaft von Teilzeitlehrkräften, ihren Arbeitsumfang aufzustocken. Des Weiteren sind es vor allem grundständig ausgebildete Gymnasiallehrkräfte, die entweder nach der ersten Staatsprüfung den Quereinstieg in den Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Grundschulen oder nach der zweiten Staatsprüfung den Einstieg in eine umfangreiche Weiterbildung zum Erwerb einer dem Lehramt an Grundschulen gleichgestellten Qualifikation wählen, die mittelfristig die Personalsituation an den Grundschulen verbessern. Hinzu kommt der Aufwuchs der Studienkapazitäten, der seit 2017 sukzessive mit den hessischen Universitäten vereinbart wurde und langfristig, beginnend allerdings erst ab dem Jahr 2025, zu einer merklichen Entlastung führen wird.

Weiteres Maßnahmenpaket zur Lehrkräftegewinnung

„Trotz der bisher ergriffenen Maßnahmen, das Lehrkräfteangebot im Grundschulbereich kurz-, mittel- und langfristig zu erhöhen, ist mit Blick auf die kommenden Schuljahre nach wie vor mit einer herausfordernden Situation bei der Personalversorgung der Grundschulen zu rechnen", erklärte der Kultusminister weiter. Vor diesem Hintergrund seien weitere Anstrengungen zur Personalbedarfsdeckung erforderlich. „Wir könnten es uns an dieser Stelle leichter machen und auf das Gestalten von Bildungspolitik verzichten. Denn der Grundunterricht und auch noch zahlreiche Zusatzangebote wären mit dem aktuellen Personal gut abzudecken. Aber das genügt uns nicht, das ist nicht unser Anspruch!"

Aus diesem Grund hat das Hessische Kultusministerium in den vergangenen Monaten ein weiteres umfangreiches Maßnahmenpaket entwickelt, und zwar zur Gewinnung und Qualifizierung von Lehrkräften, die über eine andere Grundqualifikation als das Lehramt an Grundschulen verfügen. Dieses besteht aus drei Bausteinen.

Im ersten Baustein geht es um die Qualifizierung von Personen mit dem Ziel einer dem Lehramt an Grundschulen gleichgestellten Qualifikation:

1) a) Das Weiterbildungsmodell zum Lehramt an Grundschulen wird attraktiver,
b) der Quereinstieg in den Schuldienst (QuiS) mit einem Fach ermöglicht.

Der zweite Baustein umfasst drei Abordnungsmodelle zur Gewinnung von Lehrkräften mit dem Lehramt an Gymnasien:

2) a) Abordnung bei Einstellung über ein Vorrangmerkmal

b) Abordnung bei Einstellung auf eine Stelle der mobilen Vertretungsreserve

c) Abordnung von Bestandslehrkräften auf Basis einer verpflichtenden Schulquote

Im dritten Baustein geht es um ein

3) umfangreiches Paket zur Information, Unterstützung, Beratung und Fortbildung für Personen, die keine grundständige Ausbildung für das Lehramt an Grundschulen haben.

Diese Maßnahmen sehen im Einzelnen wie folgt aus:

1. a) Das bestehende Modell der Weiterbildung zum Erwerb der Befähigung zum Lehramt an Grundschulen für Lehrkräfte mit dem Lehramt an Gymnasien oder dem Lehramt an Haupt- und Realschulen wird zur Attraktivitätssteigerung von drei auf zwei Jahre verkürzt und umfasst künftig eine geringere Unterrichtsverpflichtung.

1. b) Für Personen mit universitärem Abschluss, mit einem akkreditierten Masterabschluss oder mit einem anderen akkreditierten Hochschulabschluss (also auch Bachelorabsolventen), aus dem mindestens ein Unterrichtsfach für das Grundschul-Lehramt ableitbar ist und die über fünf Jahre Berufserfahrung im studierten Berufsfeld verfügen (z.B. Diplomsportlehrerinnen oder Diplomsportlehrer, Germanistinnen oder Germanisten), wird der Quereinstieg in den Schuldienst (QuiS) mit einem Fach ermöglicht. Ziel ist der Erwerb einer dem Lehramt an Grundschulen gleichgestellten Qualifikation, die zu einer unbefristeten Anstellung mit Aussicht auf Verbeamtung führen kann. Das ableitbare Fach muss dem Fächerkanon Deutsch, Mathematik, Musik, Kunst oder Sport entstammen.

2. a) In Ergänzung zu den Regelungen des Einstellungserlasses zum Ranglistenverfahren kann bei der Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern mit gymnasialem Lehramt an diejenigen Personen vorrangig ein Einstellungsangebot vergeben werden, die ihre Bereitschaft zur Abordnung an Grundschulen für mindestens vier Jahre und zur Teilnahme an einer entsprechenden Fortbildung erklären (Einstellung über Vorrangmerkmal). Die Lehrkraft ist in der Probezeit mit einem Anteil von neun Stunden ihrer wöchentlichen Pflichtstundenzahl an ihrer Stammschule und wird mit der verbleibenden Pflichtstundenzahl an die Grundschule abgeordnet.

b) Die Abordnung an eine Grundschule kann auch bei Einstellung auf eine Stelle der mobilen Vertretungsreserve erfolgen.

c) Solange im Ranglistenverfahren noch ausreichend Bewerberinnen und Bewerber von Gymnasiallehrkräften in einem Schulamtsbereich vorhanden sind, soll im Bedarfsfall die Versorgung der Grundschulen durch verpflichtende Abordnung von Gymnasiallehrkräften unterstützt werden. Die abordnenden Schulen erhalten dafür Ersatzeinstellungen. Zur Abordnung verpflichtet sind grundsätzlich alle allgemeinbildenden Schulen mit einem gymnasialen Bildungsgang in der Sekundarstufe I. Die verpflichtende Abordnungsquote bezieht sich auf die Schule und nicht auf die einzelne Lehrkraft (Schulquote). Das maximale verpflichtende Abordnungsvolumen für Gymnasien und Kooperative Gesamtschulen beträgt zwei Pflichtstunden pro Stelle der Grundunterrichtsversorgung in der Sekundarstufe I des gymnasialen Bildungsganges. Bei Integrierten Gesamtschulen beträgt das maximale Abordnungsvolumen 0,6 Pflichtstunden pro Stelle der Grundunterrichtsversorgung in der Sekundarstufe I. Gymnasiallehrkräfte sollen nach Möglichkeit schwerpunktmäßig im Grundunterricht der Jahrgangsstufen 3 und 4 eingesetzt werden. Zusätzlich sollen sie möglichst nicht im Anfangsunterricht Mathematik oder Deutsch eingesetzt werden. Die Teilnahme an einer Fortbildungsveranstaltung ist erwünscht.

3. Sowohl für Gymnasiallehrkräfte als auch für TV-H-Kräfte soll es darüber hinaus ein umfangreiches Paket zur Information, Unterstützung, Beratung und Fortbildung geben. Dieses sieht Fortbildungsseminare unterschiedlicher Dauer und Intensität für beide Personengruppen vor, ebenso wie die Bereitstellung von Info-Materialien und eines Servicetelefons. Für potenzielle TV-H-Kräfte soll es außerdem künftig Informationsveranstaltungen für Interessenten geben und für diejenigen, die eingestellt werden, ein Patensystem zur Unterstützung und Beratung.

Corona-Pandemie lässt weiteren Personalbedarf entstehen

Das Abordnungsmodell 2. c), also die Abordnung von Bestandslehrkräften auf Basis einer verpflichtenden Schulquote, ist als letzter Baustein erst in jüngster Zeit hinzugefügt worden, als sich abzeichnete, dass aufgrund der Pandemie durch das Corona-Virus ein hohes Risiko besteht, dass die vorgenannten Maßnahmen zur Sicherstellung der Lehrkräfteversorgung in Grundschulen zum Start des kommenden Schuljahres nicht ausreichen werden.

In diesem Frühjahr wurde aufgrund der Corona-Pandemie entschieden, ältere Kolleginnen und Kollegen, die kurz vor dem Ruhestand stehen, nicht anzuschreiben und um eine Dienstzeitverlängerung zu bitten, da sie allein vom Alter her der Risikogruppe angehören. Außerdem ist nicht absehbar, wie sich die Corona-Pandemie auf die aktiven Lehrkräfte auswirkt, vor allem, wenn diese der Risikogruppe angehören und eventuell nicht mehr in gleicher Weise für den Präsenzunterricht zur Verfügung stehen wie in Zeiten vor der Pandemie.

„Aus diesen Gründen müssen wir davon ausgehen, dass zum kommenden Schuljahr ein zusätzlicher Personalbedarf entsteht, der sich mit den bisher in Kraft gesetzten und geplanten Maßnahmen allein nicht kompensieren lässt", erklärte der Kultusminister. „Da sich derzeit auf der Rangliste jedoch noch viele Bewerberinnen und Bewerber für das Gymnasiallehramt um eine Festanstellung bemühen und somit die Versorgung der weiterführenden Schulen mit entsprechenden Lehrkräften relativ leicht sichergestellt werden kann, wollen wir ergänzend zu der Möglichkeit einer freiwilligen Abordnung im Rahmen des Vorrangmerkmals eine verpflichtende Abordnungsquote einführen." Basis dafür sei das Solidaritätsprinzip für weiterführende Schulen, wenn bei zuliefernden Grundschulen die Unterrichtsversorgung andernfalls nicht gewährleistet sei.

Insgesamt habe man mit allen vorgestellten Maßnahmen ein umfangreiches Paket geschnürt, mit dem der zu erwartende Lehrkräftebedarf an den Grundschulen sichergestellt werden könne. „Jetzt wollen wir alles dafür tun, dass die neu in Kraft gesetzten Möglichkeiten zur Einstellung gut angenommen werden. Und dass sich insbesondere viele junge Menschen, die sich eigentlich für das Gymnasial-Lehramt entschieden hatten, durch unsere Angebote zur Einstellung auch der Attraktivität einer Tätigkeit an einer Grundschule bewusstwerden", so Lorz abschließend.

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Pressesprecher: 
Stefan Löwer
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