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Prävention und Aufarbeitung

Bericht über Missbrauchsfälle an Darmstädter Schule

22.09.2016Hessisches Kultusministerium

Unabhängige Kommission übergibt Bericht über sexuelle Missbrauchsfälle an Schülern der Darmstädter Elly-Heuss-Knapp-Schule | Kultusstaatsekretär Lösel: „Wir übernehmen die institutionelle und moralische Verantwortung für Versäumnisse seitens der Schule“

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Bericht über Missbrauchsfälle an Darmstädter Schule
© HKM

„Heute übernehmen wir die institutionelle und moralische Verantwortung für das, was an Versäumnissen seitens der Institution Schule geschehen ist“, erklärte der Staatssekretär im Hessischen Kultusministerium, Dr. Manuel Lösel, anlässlich der heutigen Vorstellung des Berichts über sexuelle Missbrauchsfälle an Schülern der Darmstädter Elly-Heuss-Knapp-Schule. Die unabhängige Kommission, bestehend aus Brigitte Tilmann, Präsidentin a.D. des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main, und der Rechtanwältin Claudia Burgsmüller, hatte den Bericht zuvor offiziell und in Anwesenheit einiger Opfer an das Hessische Kultusministerium übergeben.

„Hoffnung, Licht ins Dunkel zu bringen“

„Der vorliegende Bericht ist ein Dokument unsäglicher Taten und nicht wieder gut zumachenden Leids, mit dem auf der anderen Seite die Hoffnung verknüpft ist, Licht ins Dunkel zu bringen“, erklärte Lösel. „Das Ausmaß der Taten, ihre perfide Ausführung nachdem sich der Lehrer das Vertrauen der Jungen erschlichen hatte, und die ‚Kunst‘ der Vertuschung und Manipulation lassen uns wütend und sprachlos zurück. Leider stellt der Bericht auch fest, dass viele Signale, die die Opfer, die damals noch Kinder waren, gegenüber Eltern und Lehrkräften gesendet hatten, überhört, relativiert oder als Unsinn deklariert worden sind. Viele, in deren Umfeld Erich Buß seine Taten ausführen konnte, haben versagt, wenngleich wir konstatieren müssen, dass die Gesellschaft insgesamt in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht ausreichend dafür sensibilisiert war, Verdachtsmomente, die auf sexuellen Missbrauch hinweisen, frühzeitig zu erkennen und die aus heutiger Sicht erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen. Für das Versagen seitens der damaligen Lehrkräfte, der Schulleitung und der Schulverwaltung möchte ich daher heute eine förmliche Entschuldigung aussprechen und gegenüber den Opfern mein tiefes, persönliches Mitgefühl für das ihnen widerfahrene Leid und das jahrzehntelange Schweigen ausdrücken.“

Empfehlungen an Landespolitik, Schulverwaltung und die Schule

Die Kommission hat in ihrem Bericht eine Reihe von Empfehlungen formuliert, die sich sowohl an die Landespolitik als auch an die Schulverwaltung und die Schule vor Ort richten. „Wir sind Frau Burgsmüller und Frau Tilmann sehr dankbar für die von ihnen geleistete wahrlich schwierige Arbeit“, hob Staatssekretär Lösel hervor. Nun gehe es darum, die Anregungen aufzugreifen und zu prüfen. „An erster Stelle möchte ich mitteilen, dass wir dem Vorschlag, ein symbolisches Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 Euro als freiwillige Entschädigungsleistung an die Opfer zu zahlen, mit Hilfe eines Beschlusses der Landesregierung nachkommen wollen. Alle weiteren Empfehlungen des Berichtes  werden wir in enger Kooperation mit allen angesprochen Stellen unseres Landes intensiv prüfen und dann ebenfalls umzusetzen versuchen, falls nicht bereits geschehen“, so Lösel.

Präventionsarbeit verstärken

Das Land werde vor allem seine Präventionsarbeit in Sachen sexueller Missbrauch verstärken. „Die Handreichung gegen sexuelle Übergriffe an Schulen ist bereits unter Beteiligung von Frau Burgsmüller und Frau Tilmann überarbeitet worden; Ziel ist es, sie noch bis Jahresende an alle hessischen Schulen zu verteilen.“ Hessen unterstütze darüber hinaus auch aktiv die neue Initiative des Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, „Schule gegen sexuelle Gewalt“ und lässt mit einer großangelegten Studie (SPEAK!) Missbrauchserfahrungen unter Jugendlichen untersuchen. „Und nicht zuletzt ist Hessen bereits im Sommer dieses Jahres dem sogenannten ‚Ergänzenden Hilfesystem für Betroffene in Institutionen‘ beigetreten. Mit all diesen Maßnahmen wollen wir dafür Sorge tragen, dass Taten wie die von Erich Buß an Schulen in Hessen nach menschlichem Ermessen nie wieder geschehen können“, betonte Lösel abschließend.

Hintergrund:

Der Lehrer Erich Buß hatte über mehrere Jahrzehnte Schüler der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Darmstadt sexuell missbraucht. Für einige seiner Taten war er 2005 vom Landgericht Darmstadt wegen sexuellen Missbrauchs in 15 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt worden. Buß, der sich bereits seit 1992 im Ruhestand befand, verstarb im Jahr 2008. Der ganze Umfang seiner Taten und die Rolle, die die Schulgemeinde und die Schulverwaltung dabei spielten, war trotz der strafrechtlichen Aufarbeitung nie vollständig aufgeklärt worden. Die Forderung danach hatten Opfervertreter gegenüber Kultusminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz in einem Gespräch im März 2015 aufgestellt. Lorz sagte daraufhin eine unabhängige Aufklärung der Fälle jenseits der strafrechtlichen Verurteilung zu. Im April 2015 wurden damit Brigitte Tilmann, Präsidentin a.D. des OLG Frankfurt am Main, und die Rechtanwältin Claudia Burgsmüller beauftragt. Die beiden Juristinnen hatten zuvor bereits den Bericht über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule verfasst und sich damit entsprechende Expertise erworben.

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Pressesprecher: 
Stefan Löwer