Ministerbrief an die Eltern vom 14.05.2020

Brief an die Eltern und Erziehungsberechtigten

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Eltern und Erziehungsberechtigte,

nachdem wir am 27. April in einem ersten Schritt mit der Wiederaufnahme des Unterrichtsbetriebs in einigen Jahrgangsstufen begonnen haben, folgen am 18. Mai und am 2. Juni nun zwei weitere Öffnungsschritte. Allein die Wiederaufnahme am kommenden Montag bedeutet für knapp 500.000 Schülerinnen und Schüler die Rückkehr zu einem Stück Normalität. Ich möchte diesen besonderen Zeitpunkt deshalb nutzen, um Ihnen unsere Entscheidungen zu erläutern.

Bevor ich das tue, möchte ich Ihnen, die Sie seit nunmehr beinahe neun Wochen in Ihren Familien eine außergewöhnliche Situation meistern, meinen ganz persönlichen Respekt aussprechen. Als Vater eines Kindergartenkindes und eines Sohnes, der seine Schullaufbahn bereits absolviert hat, glaube ich nachvollziehen zu können, welche besonderen Herausforderungen Sie in den vergangenen zwei Monaten bewältigen mussten: Organisatorisch musste das häusliche Lernen der Kinder mit Ihrem Berufsalltag und ggf. der Betreuung jüngerer Geschwisterkinder in Einklang gebracht werden. Viele von Ihnen erledigen ihre Arbeit seit Wochen in den Randzeiten und an den Wochenenden zwischen den Bedürfnissen der Kinder und den alltäglichen Pflichten. Dennoch gibt es sicherlich immer wieder auch Betreuungsengpässe, weil nicht jeder Arbeitgeber gleichermaßen entgegenkommend sein kann. Oftmals gibt es weder in räumlicher noch in zeitlicher Hinsicht genügend Freiräume – nicht für Sie als Eltern und ebenso wenig für Ihre Kinder. Wirtschaftliche Nöte und die Sorge um ältere und vorerkrankte Angehörige kommen nicht selten hinzu. Sie, liebe Eltern, haben trotz allem maßgeblich dazu beigetragen, das Infektionsgeschehen in unserem Land unter Kontrolle zu halten. Dafür danke ich Ihnen sehr.

Ich hoffe, dass alle Schülerinnen und Schüler, die seit dem 27. April wieder in die Schule gehen, den Wiedereinstieg als möglichst reibungslos empfunden haben, auch wenn der Unterricht noch wenig mit dem zu tun hat, was wir als Schulunterricht kennen.
Die überwiegend positiven Rückmeldungen der Schulen nach den ersten Unterrichtstagen sind nicht zuletzt auf das verantwortungsbewusste Verhalten der Schülerinnen und Schüler und die gute Vorbereitung an den Schulen zurückzuführen. Die Schulen vor Ort haben sich auf Basis von Hygieneplänen auf die Beschulung unter den besonderen Bedingungen des Infektionsschutzes vorbereitet: Raumbelegungen, Tisch- und Sitzordnungen wurden angepasst, Markierungen auf dem Boden angebracht und die Pausenzeiten entzerrt. Indem wir Masken und Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen, unterstützen wir die Schulträger vor Ort dabei, die Hygienevorgaben in den Schulen einzuhalten.

Auf dieser Basis beginnt am Montag der Präsenzunterricht für die 4. Jahrgangsstufen an den Grundschulen und Förderschulen, für die Sekundarstufe I und die Intensivklassen an den weiterführenden Schulen, für die Einführungsphase der Sekundarstufe II an den allgemeinbildenden Schulen sowie für weitere Klassen der Berufsschulen. Das schließt die Mittel-, Haupt- und Berufsorientierungsstufen der Förderschulen ebenso mit ein wie die Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen der Schulen mit dem Förderschwerpunkt soziale und emotionale Entwicklung. Am 2. Juni folgen die Jahrgangsstufen 1-3 der Grundschulen, die Vorklassen, Vorlaufkurse und Intensivklassen sowie die übrigen Jahrgangsstufen der Grundstufen aller Förderschulen. Hinzu kommen außerdem alle übrigen vollschulischen Formen der beruflichen Schulen. Damit gehen wir Schritt für Schritt von den älteren Schülerinnen und Schülern zu den jüngeren vor. Ausgenommen sind all jene, die selbst oder bei denen Angehörige desselben Hausstands einer Risikogruppe angehören.

Als politische Entscheidungsträger befinden wir uns in einem ständigen Abwägungsprozess zwischen dem Gesundheitsschutz der Schülerinnen und Schüler, der Familien und des pädagogischen Personals einerseits sowie der Erfüllung des staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrags andererseits. Während sich die einen Eltern mehr Zurückhaltung wünschen, warten andere Familien sehnsüchtig auf weitere Öffnungsschritte. Insofern sind wir uns völlig darüber im Klaren, mit den getroffenen Entscheidungen den unterschiedlichen Sorgen und Bedürfnissen von Kindern und Eltern nicht in jedem Fall gerecht werden zu können.

Nach bisherigen Erkenntnissen kann das Infektionsrisiko durch die Verkleinerung der Klassengröße und die Einhaltung der Abstandsregeln deutlich reduziert werden. Gleichwohl kann es angesichts der Pandemie weder in unseren Schulen noch anderswo komplett auf null gesenkt werden. Selbstverständlich werden wir das Infektionsgeschehen in Hessen und darüber hinaus weiterhin intensiv verfolgen, um alle Schritte aktuell bewerten zu können. Wir stehen dazu in ständigem Austausch mit den Gesundheitsämtern. Die Corona-Pandemie stellt unser Schulsystem vor eine nie dagewesene Herausforderung, für deren Bewältigung es weder in den Schulen noch in der Bildungsverwaltung eine Blaupause gab. Schon jetzt ist aber klar, dass uns diese außergewöhnliche Situation noch einige Zeit begleiten wird.

Deshalb ist es mir wichtig, mit diesem Schreiben folgende Informationen zu verbinden:

  • Schülerinnen und Schüler, die bei einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus dem Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs ausgesetzt sind, können vom Schulbesuch befreit werden. Gleiches gilt für Schülerinnen und Schüler, die mit Angehörigen einer Risikogruppe in einem Hausstand leben. Eine Freistellung vom Schulbesuch ist in beiden Fällen bei der Schulleiterin oder dem Schulleiter mit ärztlicher Bescheinigung zu beantragen.

  • Wir werden auch weiterhin auf eine Kombination aus Präsenztagen in der Schule und unterrichtsersetzenden Lernsituationen zu Hause angewiesen sein, damit Ihre Kinder im Lernprozess bleiben und gleichzeitig dem Gesundheitsschutz in kleineren Lerngruppen und unter Beachtung der Abstandsregeln Rechnung getragen werden kann. Niemand erwartet, dass der aktive Part der Lernbegleitung, der normalerweise von den Lehrkräften im Unterricht geleistet wird, vollständig von Ihnen zu Hause übernommen wird.

  • Für die unterrichtsersetzenden Lernsituationen bzw. das Lernen zu Hause und das digitale Lernen steht den Schulen eine umfängliche Handreichung des Kultusministeriums zur Verfügung, die fortlaufend aktualisiert wird. Darüber hinaus gibt es Empfehlungen zu Webtools, zulässigen Messenger-Diensten und Videokonferenzsystemen. Wir arbeiten weiterhin mit Hochdruck daran, den Zugang zu unserer digitalen Lern- und Arbeitsplattform, dem „Schulportal Hessen“, in den kommenden Wochen allen Schulen zur Verfügung zu stellen. Schülerinnen und Schülern, die dem Online-Unterricht aufgrund einer fehlenden digitalen Ausstattung in ihrem Elternhaus derzeit nur eingeschränkt folgen können, stehen schon bald Notebooks oder Tablets leihweise zur Verfügung.

  • Da der Unterricht nur an einzelnen Tagen erfolgt, steht die Notfallbetreuung weiterhin allen Eltern offen, die zu einer bestimmten Personengruppe gehören. (Übersicht über die Personengruppen unter: https://kultusministerium.hessen.de/schulsystem/umgang-mit-corona-schulen/fuer-eltern/haeufig-gestellte-fragen)

  • Keiner Schülerin und keinem Schüler soll aus der aktuellen Situation ein Nachteil entstehen. Es erfolgt daher keine Benotung des Wissens, das sich Ihre Kinder in der unterrichtsfreien Zeit zu Hause angeeignet haben. Das gilt auch weiterhin für alle Aufgaben, die Ihre Kinder in den nächsten Wochen im häuslichen Lernen erarbeiten werden. Erst nach einer Vertiefung im Unterricht können die Inhalte überprüft und auch benotet werden.

  • Ihre Kinder erhalten am Schuljahresende ein Zeugnis. Alle Schülerinnen und Schüler werden versetzt. Freiwillige Wiederholungen des Schuljahres sind aber selbstverständlich weiterhin möglich und in dem einen oder anderen Fall sicherlich auch sinnvoll. Entsprechende Beratungsgespräche werden zum gegebenen Zeitpunkt von den Schulen angeboten.

  • Die Sommerferien werden in jedem Fall stattfinden. Analog zu den Ostercamps werden derzeit Konzepte erarbeitet, über die Schülerinnen und Schüler während der Sommerferien Unterstützung bekommen können.

  • Wenn Ihnen in den kommenden Wochen sprichwörtlich doch mal die Decke auf den Kopf fällt, stehen Ihnen in jedem der 15 Staatlichen Schulämter in Hessen Schulpsychologinnen und Schulpsychologen zur Seite, die bei Bedarf in schwierigen Situationen vermitteln und wichtige Tipps für die gemeinsame Zeit zuhause geben. Die entsprechenden Telefonnummern finden Sie auf der Internetseite Ihres jeweiligen Schulamtes unter https://schulaemter.hessen.de/.

    Der Wechsel aus Präsenzunterricht und häuslichem Lernen wird uns sehr wahrscheinlich auch im neuen Schuljahr begleiten. Deshalb sind die Rückmeldungen der Betroffenen so wichtig. Ich danke dem Landeselternbeirat stellvertretend für Sie alle dafür, dass er Ihre Anregungen und Sorgen bündelt und in die politischen Debatten einbringt. Auch allen Elternvertreterinnen und Elternvertretern an den Schulen, die in den vergangenen Wochen als Bindeglieder zwischen den Lehrkräften und der Elternschaft gefordert waren, gilt mein Dank für ihren engagierten Einsatz. Sie leisten Herausragendes!

    In Zeiten einer schnelllebigen Kommunikation kommt es vor, dass aktuelle Beschlüsse zuerst der Presse zu entnehmen sind. Seien Sie aber versichert: Alle Informationen über Maßnahmen und Vorkehrungen, die für den Unterricht Ihrer Kinder relevant sind, erhalten Sie stets aus erster Hand von Ihrer Schule. Um künftig Verunsicherungen zu vermeiden, arbeiten wir mit Hochdruck daran, unsere Schulen noch schneller über aktuelle Entwicklungen zu informieren.

    Die Notwendigkeit, den Präsenzunterricht mit dem häuslichen Lernen zu kombinieren, gibt dem Digitalisierungsprozess einen immensen Schub. Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sammeln gerade vielfältige Erfahrungen, wie zu Hause gelernt wird, wie dieser Prozess begleitet und mit dem Präsenzunterricht intensiv verzahnt werden muss. Viele Familien wissen zu schätzen, welche Leistungen Lehrkräfte täglich in Schule und Unterricht erbringen. Dies sind Stärken, auf die sich unser Bildungssystem in der Zeit nach Corona stützen kann.

    Damit uns die nächsten Öffnungsschritte ebenso gelingen werden wie der erste, sind wir auch weiterhin auf Ihre Mithilfe angewiesen. Seien Sie Ihren Kindern deshalb auch weiterhin ein Vorbild. Für Ihr Engagement danke ich Ihnen schon jetzt herzlich.

    Bleiben Sie gesund!

    Ihr

    Prof. Dr. R. Alexander Lorz

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